Zwischen Müsli und Watt

Aus dem tiefen, erholsamen Schlaf des ersten Tages riss uns am nächsten Morgen gegen sieben Uhr die entschlossene Stimme einer Erzieherin. Mit einem energischen Ruck zog sie die Vorhänge beiseite und stieß die zwei großen Sprossenfenster weit auf. Die tief stehende Morgensonne flutete augenblicklich das Zimmer und tauchte den Schlafraum in ein warmes, goldenes Licht.

„Guten Morgen! Aufstehen, waschen und Frühstück!“, hallte der muntere, singende Weckruf durch den Raum.

Zugleich strömte die kühle, klare Nordseeluft herein. Ihr salziger, von einem Hauch feuchter Algen durchsetzter Duft zog spürbar bis tief in meine Lunge. Ich hielt für einen kurzen Augenblick inne und genoss diese vollkommene Frische und die tiefe Stille, in der die Insel allmählich erwachte. Von den vertrauten, stetigen Geräuschen der Heimat – dem fernen Rumpeln der Güterzüge, den Rangiersignalen und dem ständigen Betrieb im Bahnbetriebswerk in der Eisenbahnsiedlung – war hier absolut nichts zu hören. Nur das feine Rauschen des Windes lag in der Luft.

Die Müdigkeit war schnell verflogen. Die Neugier und die Spannung auf all das, was dieser erste volle Tag bereithalten würde, trieben uns rasch aus den Betten. In unseren Schlafanzügen trotteten wir hinüber in den kühlen Waschraum, wo reichlich Wasser floss, Seife aufgeschäumt und die Zähne geputzt wurden, ehe wir uns für das erste Frühstück anzogen.

Unten im Speisesaal erwartete uns eine reich gedeckte Tafel. Neben frischem Brot, Käse, Wurst und Marmelade gab es eine kulinarische Neuerung, die ich von zu Hause überhaupt nicht kannte: Müsli. Zwischen den Tischreihen wurde ein klappernder, eiserner Servierwagen hindurchgeschoben, auf dem ein gewaltiger Aluminiumtopf mit zwei Henkeln thronte. Daneben stapelten sich tiefe Suppenteller. Eine Frau aus der Küche griff mit geübtem Schwung zur großen Schöpfkelle, tunkte tief in den Topf und reichte jedem Kind einen randvollen Teller.

Die Mischung aus gequetschten Getreidekörnern, knackigen, ungeschälten und nicht entkernten Apfelspalten von den Bäumen des Heimgartens, frischer Milch und etwas Zucker war für jedes Kind ein absolutes Muss – und die eiserne Regel lautete: Alles wird aufgegessen. Der Teller wird leer gemacht!

Gerne!, war meine stumme Antwort. Mir schmeckte diese ungewohnte Speise erstaunlich gut. Wenn mich an manchen der kommenden Tage der Heißhunger packte und ich nach einer zweiten Portion verlangte, bekam ich von den Küchenfrauen stets bereitwillig einen Nachschlag auf den Teller gekellt. Nie wieder habe ich in meinem Leben ein vergleichbares Müsli gegessen – so wie ich später zu Hause nie Spaghetti gegessen habe, die so schmeckten wie in Italien.

Zurück auf den Zimmern hieß es erst einmal Anpacken: Das Bettenmachen stand auf dem Programm. Unter den wachsamen Augen der Erzieherin wurden die schweren Bettdecken aufgeschüttelt, die Laken glattgezogen und die Kissen ordentlich an das Kopfende gerückt. Spannbetttücher gab es damals nicht; stattdessen wurden einfache, große Baumwolllaken verwendet. Jedem von uns gelang diese Pflichtübung anfangs mehr oder weniger gut, doch die meisten wurden von Tag zu Tag besser. Man lernte den richtigen Handgriff: wie man das Tuch glatt über die Matratze legt, die Ecken im exakten Winkel um- und unter die Matratze schlägt, sodass eine stramme, makellose Fläche entsteht. Diese Routine sitzt bei mir so tief, dass ich bis auf den heutigen Tag keine Spannbetttücher brauche und mein Bett stets nach der alten, in Haus Tanneck gelernten Art mache – ganz ohne eine einzige störende Falte.

Gut gestärkt und mit aufgeräumtem Schlafraum ging es im Anschluss hinab in den kühlen Kellerraum. Wir schlüpften in unsere festen Schuhe, griffen nach den dicken Jacken und Mützen und stellten uns draußen vor dem Haus geordnet in Zweierreihen auf – ganz so, wie wir es von der Schule gewohnt waren. Jeder Junge bekam eine kleine Blechschaufel ausgehändigt, einige trugen bunte Plastikeimer.

An der Seite unserer Erzieherin setzte sich unsere Schar in Bewegung. Der Weg führte über die ruhige Straße am Rande eines Kiefernwaldes direkt dem Deich entgegen. Der warme Wind trug den harzigen, leicht würzigen Duft der feuchten Kiefernnadeln und des dichten Unterholzes herüber – eine herb-frische Note, die sich schon hier mit der herannahenden Meeresluft mischte. Voller Vorfreude stapften wir voran, verkürzten die Schritte und standen schließlich oben auf der Grasnarbe der Deichkuppe.

Doch als wir den Blick über den Horizont gleiten ließen, hielten wir erstaunt inne. Wo war das weite, schäumende Meer geblieben, das wir noch gestern Abend von den Schlafraumfenstern aus bestaunt hatten? Das Wasser war spurlos verschwunden. Vor uns erstreckte sich so weit das Auge reichte eine schier endlose, dunkelgraue Fläche aus feuchtem Schlamm, die von sanften, feinen Wellenmustern gezeichnet war. Ratlose Blicke wurden ausgetauscht, und für einen Moment machte sich bei uns Kindern eine spürbare Enttäuschung breit: Wir standen am Meer – und davon war nichts zu sehen.

Die Erzieherin bemerkte oder hatte vielleicht sogar unsere enttäuschten Gesichter erwartet, schmunzelte kurz und trat vor die Gruppe.

„Schaut nicht so betrübt!“, rief sie uns mit aufmunternder Stimme zu. „Das Meer ist nicht für immer weg. Alle sechs Stunden zieht sich das Wasser zurück und kommt danach verlässlich wieder. Das nennt man Ebbe und Flut. Und genau das ist unser großes Glück: Wenn das Wasser fort ist, gibt die Nordsee ihren Meeresboden für uns frei. Heute machen wir unsere allererste Wattwanderung und entdecken was sonst im Wasser verborgen ist!“

Wir stiegen die Deichböschung hinunter zum Sandstrand. Neben einer kleinen, weiß gestrichenen Holzhütte mit der Aufschrift „Haus Tanneck“, deren Windschutz uns willkommen war, machten wir Halt. Das war unser Strandabschnitt! Hier legten wir unsere Blechschaufeln und bunten Plastikeimer im feinen Sand ab. Dann setzten wir uns hin, um Schuhe und Strümpfe auszuziehen. Ordnungsgemäß wurden die aufgerollten Socken in die Schuhe gesteckt und ordentlich neben den Eimern und Schaufeln aufgereiht.

Dann wagten wir die ersten Schritte hinaus auf den Meeresboden.

Es war ein völlig neuartiges, nicht vertrautes Gefühl unter den nackten Füßen. Zunächst fühlte sich der dunkle Schlick unerwartet kühl und klebrig an. Bei jedem Schritt sank man ein paar Zentimeter tief ein, gefolgt von einem leisen, schmatzenden Geräusch – Pffft-Schlapp, Pffft-Schlapp –, wenn man den Fuß wieder aus dem Schlamm zog. Zuerst zögerten wir noch ein wenig, doch schon nach wenigen Metern wich die Scheu einer reinen Entdeckerfreude. Der Boden fühlte sich stellenweise samtweich an, fast wie flüssige Butter, an anderen Stellen wie ein feines, nasses Kissen.

Ein intensiver, urwüchsiger Duft stieg uns in die Nase – eine kräftige Mischung aus salziger Meeresluft, feuchtem Tang und dem typischen, würzig-schlickigen Geruch des freiliegenden Meeresbodens und seiner vielfältigen Bewohner, die teilweise nicht dem Wasser gefolgt waren.

Überall gab es etwas zu sehen und zu hören. Im silbrig glänzenden Schlick spiegelte sich der helle Morgenhimmel. Über uns zogen Möwen in weiten Bögen ihre Kreise und erfüllten die Luft mit ihren rauhen Rufen. Wenn man ganz still hielt und nach unten blickte, entdeckte man winzige Wasserläufe, die sich wie kleine Adern durch den dunklen Wattboden schlängelten und in denen noch fingerflaches Restwasser der Nordsee glitzerte. Überall streckten sich kleine, spiralförmige Sandhäufchen empor, aus denen hie und da kleine Bläschen aufstiegen.

„Das sind die Spuren der Wattwürmer!“, erklärte uns die Erzieherin, während wir neugierig mit den Zehen im kühlen Schlick wühlten.

Sogleich begann eine eifrige Suche nach den Schätzen des Meeresbodens. Wir beugten uns hinab, streiften durch die seichten Pfützen und hoben glatte, bunt schimmernde Herzmuscheln und spitze Schwertmuscheln auf, die überall verstreut im Schlick lagen. Dazwischen entdeckten wir immer wieder raue, orangefarbene Seesterne, die das zurückweichende Wasser auf dem feuchten Wattboden zurückgelassen hatten. Behutsam nahmen wir sie auf die flache Hand, bewunderten ihre beweglichen Saugfüßchen, rochen an ihnen und legten sie wieder ab.

Wir wanderten immer weiter hinein in die Weite des Wattes, bis wir schließlich weit draußen die echten Wellen der Nordsee erreichten. Wo das kühle Wasser sanft über unsere nackten Füße spülte, hob ich den Blick und sah hinüber zum Horizont.

Dort drüben zeichnete sich schemenhaft die Nachbarinsel Amrum ab. Und mitten aus den Dünen ragte ein mächtiger, rot-weiß gestreifter Turm empor: der Amrumer Leuchtturm. Es war das erste Mal in meinem Leben, dass ich einen echten Leuchtturm mit eigenen Augen sah. Er stand majestätisch und unerschütterlich da, gekrönt von einer gläsernen Laterne. Dahinter musste die Welt der Abenteurer beginnen. Die Erzieherin erklärte uns, dass droben hinter den Fenstern eine riesige Linse rotierte, die selbst am Tag und erst recht in der Dunkelheit ihr grelles Licht kreisförmig über das offene Meer wandern ließ – ein verlässliches Signal, das weithin strahlte, um die vorbeifahrenden Schiffe vor den gefährlichen Sandbänken und den Tücken der Küste zu warnen.

Schließlich rief uns die Erzieherin zur Umkehr auf, da die Flut bald kommen würde. Langsam traten wir den Rückweg an und wanderten durch den weichen Schlick zurück ans Ufer. An der kleinen weißen Holzhütte angekommen, ließen wir uns entkräftet im feinen, trockenen Sand nieder. Wir rieben uns sorgfältig den klebrigen Wattschlamm und die feinen Sandkörner von den nackten Füßen, ehe wir wieder in die Strümpfe und Schuhe schlüpften.

Zum Bauen gewaltiger Sandburgen mit unseren Schaufeln und Eimern war es für diesen Vormittag leider schon viel zu spät geworden, doch das war kein Verlust: In den kommenden Wochen sollten wir bei auflaufendem Wasser noch unzählige Male an den Strand zurückkehren, wenn die Flut das Wasser wieder herantrug und der Sand ideal zum Bauen war. Dann würden wir hohe, runde Sandburgen aufschichten und sie stolz mit einem Schriftzug aus Muscheln „Haus Tanneck“ verzieren.

Mit prall gefüllten Eimern voller Muscheln, Schaufeln über den Schultern und den Lungen voller frischer Meeresluft machten wir uns geordnet auf den Rückweg ins Heim. Der Hunger meldete sich bereits kräftig – unser erster voller Tag im Reizklima der Insel hatte gerade erst begonnen.