Wie aus meiner Holzkiste im Keller dieses Buch wurde
Lange Zeit lagen die Bilder meiner Kindheit stumm in mir – wie eine alte, gut verschlossene Holzkiste im Keller. Ich habe oft mit Freunden darüber gesprochen, wie es wohl damals war, und gedanklich den Staub von den Erinnerungen gepustet. Doch irgendwann spürte ich: Es reicht nicht, nur von außen darauf zu schauen. Man muss den Deckel anheben, die Maske des Beobachters ablegen und genau dorthin zurückgehen, wo der Staub an den Schuhen noch echt war und die Knie vom letzten Abenteuer auf dem Deich bluteten.
Der liebe Jung ist mein persönlicher Blick zurück in eine Zeit, die mich für immer geprägt hat. Es geht um meine ersten Schritte im Schatten des Xantener Doms, den rußigen, aber von tiefem Zusammenhalt getragenen Alltag in unserer Eisenbahnsiedlung in Rheinhausen-Friemersheim und den salzigen Nordseewind auf Föhr, der mir während der Kindererholung um die Nase wehte. Ich wollte diese Jahre ungefiltert und ehrlich aufschreiben – genau mit den Augen des Jungen, der ich einmal war. Ich nehme dich mit an die hölzerne Schulbank und zu den großen Familienfesten, vor allem aber hinaus in die weiten Rheinwiesen, wo wir durch die Tage streiften, geheime Verstecke bauten und das Herz vor lauter Flausen bis zum Hals schlug.
Wenn ich heute auf diesen Weg zurückblicke, spüre ich vor allem eines: Das Aufwachsen in den Fünfziger- und Sechzigerjahren war das Fundament, auf dem mein gesamtes Leben steht. Die Geborgenheit meiner Eltern, die Wärme von Tanten und Onkeln und dieser Name – der liebe Jung –, der wie ein unsichtbares Band über meinen Kindertagen lag, geben mir bis heute Halt. Dieses Buch habe ich nicht als Chronik der großen Weltgeschichte geschrieben, sondern als Herzenssache für meine Kinder und Enkel. Ich möchte ihnen zeigen, woher wir kommen und wie sich das Leben anfühlte, als die Uhren noch ein wenig langsamer tickten.
Dass aus den verblassten Erinnerungsstücken schließlich dieses Buch wurde, verdanke ich den wunderbaren Menschen an meiner Seite, die mich ermutigt haben, mit mir gedanklich durch die Rheinwiesen gestreift sind und jedes Wort mitgelesen haben. Am Ende bleibt keine Wehmut, sondern ein tiefes, glückliches Lächeln – und eine große Dankbarkeit für eine Kindheit, die schöner kaum hätte sein können.