Lätzchen und verordnete Ruhe

Wir waren spät dran, aber noch gerade rechtzeitig. Der Marsch durch den kühlen Wattschlamm und die frische Seeluft hatten bei uns Jungen einen bärenstarken Hunger geweckt. Kaum hatten wir das Heim erreicht und uns im Keller rasch die Schuhe getauscht, eilten wir hinüber in den Speisesaal.

Die Kleinen saßen dort bereits auf ihren Stühlen und warteten schon ungeduldig. Vor dem eigentlichen Mittagsmahl lag erst noch eine kleine Pflicht an uns mittleren Jungen: Wir gingen von Platz zu Platz und legten den jüngeren Kindern sorgfältig die Schlabberlätzchen um. Essen mussten – und konnten – sie schließlich allein, aber diese kleine Fürsorge gehörte fest zur Gemeinschaft im Haus Tanneck.

Kaum hatten wir unsere eigenen Plätze an den langen Tischen eingenommen, ging es auch schon los. Die Türen zur Küche öffneten sich, und die Küchenfrauen zogen mit voll beladenen Servierwagen ein. Jedem von uns wurde zügig ein dampfender Teller mit dem Mittagessen an seinen Platz gestellt. Erst als alle versorgt waren und der saalweite, vielstimmige Ruf ertönte – „Guten Appetit!“ –, griffen wir zum Besteck.

Manche der Jungen stocherten nur lustlos im Essen herum, schoben das Gemüse von einer Seite auf die andere oder blickten skeptisch auf den Teller. Mir hingegen schmeckte es. Ich kannte von zu Hause eine einfache, bescheidene Küche und war wählerische Allüren nicht gewohnt. Jeder Bissen tat gut und gab die Kraft zurück, die wir am Vormittag auf dem Meeresboden gelassen hatten und für neue Entdeckungen brauchten.

Abgerundet wurde die Mahlzeit fast an jedem Tag mit Pudding oder frischem Obst. Eine der Küchenfrauen trat zwischen die Tischreihen, einen schweren, geflochtenen Korb im Arm, der bis zum Rand gefüllt war mit Äpfeln und Birnen von den Bäumen des heimeigenen Gartens. Eine Selbstbedienung gab es hier nicht. Die Frau griff wie ein Zauberer im Zirkus mit geübtem Blick nach oben, zog blind und zielsicher eine Frucht heraus, hielt sie hoch in die Luft und legte sie jedem Kind wie ein kleines Geschenk direkt auf das Tischtuch.

Egal ob Fleisch, Beilage oder Obst: Die eiserne Grundregel lautete auch mittags, dass der Teller blitzblank leergegessen werden musste. Schließlich war eine spürbare Gewichtszunahme bei fast allen Kindern eines der erklärten Hauptziele dieser Erholungskur. Am Ende der sechs Wochen würde genau der Zeiger der Waage die unerbittliche Antwort auf die Frage liefern, ob der Aufenthalt auf der Insel ein Erfolg gewesen war oder nicht.

Nach dem Essen gab es keine lange Auszeit zum Toben. An fast allen Tagen ging es unmittelbar nach dem Abräumen hinüber in die Ruhehalle. Dieser langgestreckte Flachbau lag nur ein paar Schritte vom Hauptgebäude entfernt. Im Erdgeschoss befanden sich der große Ruheraum und ein kleiner Turnraum, während in der Etage darüber die Zimmer der Erzieherinnen zu finden waren.

Der Ruheraum war genau auf seinen Zweck ausgerichtet: langgestreckt und nüchtern eingerichtet. Eine Liege reihte sich dicht an die nächste, jeweils mit dem Kopfende an der langen Rückwand des Gebäudes ausgerichtet. Wir schlüpften aus den Schuhen und legten uns der Reihe nach hin. Flach auf den Rücken, die Arme hinter dem Kopf verschränkt, deckten wir uns bis zum Hals mit einer dicken, grauen Wolldecke zu und schauten auf die an den großen Fenstern vorbeiziehenden Wolken, bis es kurz darauf hieß:

„Augen zu und kein Wort!“

Mäuschenstill musste es sein. Unter den wachsamen Augen einer Erzieherin, die langsam den Gang zwischen den Liegen auf und ab schritt, lag die gesamte Schar reglos da. Eine halbe Stunde lang herrschte absolute Unbeweglichkeit – eine Zeitspanne, die mir in diesem Alter und nach der ganzen Aufregung des Vormittags subjektiv wie eine gefühlte Ewigkeit erschien. Diese Art von verordneter, tiefer Ruhe war ich von zu Hause überhaupt nicht gewohnt; dort gab es immer etwas zu tun, zu hören oder zu entdecken. Und warum sollte das hier auf der Insel, mitten im Meer, anders sein? Doch auch wenn das Stillliegen eine Geduldsprobe war: Es sollte uns Kindern guttun und den Körpern die nötige Erholung schenken, um das Reizklima der Nordsee verarbeiten zu können.

Wenn die halbe Stunde schließlich verstrichen war und die Decken wieder ordentlich zusammengelegt waren – wohlgemerkt von uns Kindern selbst und nicht von Mama –, brachen abwechslungsreiche Nachmittage an. Bei schönem Wetter ging es unaufhaltsam hinaus an die frische Luft – und im Grunde gab es für uns kein schlechtes Wetter.

In langen Doppelreihen brachen wir zu ausgedehnten Spaziergängen auf. Die Wege führten uns durch die nahegelegenen Kiefernwälder mit ihrem wohligen Harzduft, vorbei an weitläufigen Feldern, am sauberen Grün des Golfplatzes und am kleinen Inselflugplatz. Ein andermal wanderten wir über den Deich und am Strand entlang. Wir passierten die bunten Kinderscharen anderer Kinderheime, die eifrig an ihren mächtigen Sandburgen bauten. Wir winkten uns gegenseitig zu und gelangten schließlich über den Deich an den öffentlichen Hauptstrand. Dort bot sich uns ein ganz anderes Bild: Zwischen den Strandkörben und Sonnenliegen flanierten die damals noch recht wenigen Touristen.

Unsere Touren führten uns am geschichtsträchtigen Friesenmuseum mit den imposanten Blauwalkieferknochen am Eingang vorbei und hinein in den idyllischen Ort Wyk mit seinem überschaubaren Hafen, wo das Kommen und Gehen der Schiffe immer etwas zu beobachten bot. Und ganz egal, wohin uns unsere Füße an diesen Nachmittagen auch trugen: Wie treue, unermüdliche Begleiter schwebten die weißen Lachmöwen über unseren Köpfen, segelten im Wind und begleiteten unsere Schar mit ihren markanten Rufen auf Schritt und Tritt – ganz so, als wollten sie uns den Weg zeigen und die Gruppe zusammenhalten.

Erst wenn der späte Nachmittag sich dem Ende neigte, kehrten wir ins Heim zurück. Nach dem gemeinsamen Abendessen machten wir uns im Schlafraum für die Nacht parat: Schlafanzug anziehen, Zähneputzen und ein letztes Mal Händewaschen.

Wenn wir schließlich in unsere am Morgen gemachten Betten stiegen, kehrte nach und nach Ruhe im Zimmer ein. An manch einem Abend setzte sich die Erzieherin noch zu uns und las uns mit ruhiger Stimme spannendes Seemannsgarn und Geschichten von fernen Meeren vor. Wir Kinder lauschten gebannt, einige saßen dicht gedrängt auf den breiten Fensterbänken mit sehnsuchtsvollem Blick hinaus auf das dunkle Meer und den leuchtenden Turm in der Ferne.

Alsbald wurde der Vorhang an den Fensterfronten zugezogen, ein herzliches „Gute Nacht zusammen! Schlaft gut!“ erfüllte den Raum, und das Licht erlosch. Mit den Bildern der erlebten Inselabenteuer im Kopf und dem leisen Nachhall der vorgelesenen Seefahrergeschichten fielen uns bald die Augen zu. Nur noch vereinzeltes, zaghaftes Flüstern war zu hören, ehe auch das verstummte. Wir schliefen tief und fest ein – bereit für alles Neue, das der nächste Tag bringen würde.