Die Klappergeräusche des Porzellans im Speisesaal verstummten allmählich, und als auch die letzten Suppenschüsseln abgetragen waren, wich die erste Aufregung der Ankunft einer betriebsamen Ordnung. Für große Erholungspausen blieb jedoch keine Zeit, denn das Leben in Haus Tanneck folgte strengen, für manch einen bislang völlig fremden Regeln. So wurden wir im Anschluss an das Essen Schritt für Schritt mit den Räumlichkeiten und den unumstößlichen Tagesabläufen vertraut gemacht, die von nun an unseren Alltag bestimmen sollten.
Man führte uns zuerst in den zentralen Waschraum – einen kühlen, spartanisch eingerichteten Raum, der nach Kernseife und feuchtem Stein roch. Hierhin würden wir fortan jeden Morgen direkt nach dem Aufstehen und jeden Abend vor dem Schlafen trotten, jeweils bereits in unsere Schlafanzüge gekleidet. In der Mitte des Raumes standen sich die Waschbecken Rücken an Rücken gegenüber, flankiert von weiteren Becken entlang der kahlen Seitenwände. Darüber verliefen frei liegende Wasserleitungen, aus deren Hähnen ausschließlich klares, eisig kaltes Wasser prasselte. Spiegel gab es an den Wänden nicht; einzig schmale Ablagebretter boten Platz für unsere kleinen Kulturbeutel, auf denen Seifendosen, Becher, Zahnbürsten und Tuben ordentlich aufgereiht werden mussten. Mitgebrachte Handtücher kamen an kleine Haken. Neben dem Waschraum befanden sich die funktionalen Toilettenräume, wo alles blitzblank, aber vollkommen unpersönlich wirkte.
Zurück in unserem Schlafraum folgte die nächste Lektion in Sachen Selbstständigkeit: das Bettenbauen. Die Erzieherin erklärte uns klipp und klar, dass von nun an jeder Junge sein Bett jeden Morgen eigenhändig akkurat herzurichten hatte. Um uns zu zeigen, wie ein „ordentliches Erholungsheimbett“ auszusehen hatte, streifte sie mit geübten Handgriffen die Decken glatt, schlug die Kanten präzise um und klopfte das Kissen in Form. Anschließend versuchten wir ambitioniert oder lustlos, es ihr gleichzutun. Mit mehr oder weniger großem Geschick falteten und zogen wir an den Betttüchern, bis die Matratzen zumindest halbwegs stramm bespannt waren. Manch einer tat sich schwer und versuchte sein Ungeschick mit Lachen zu überspielen.
Am Nachmittag folgte schließlich die obligatorische medizinische Eingangsuntersuchung. Nacheinander traten wir vor den Heimarzt, der mit geübter Routine unseren Gesundheitszustand feststellte. Das kalte Stethoskop auf der Brust ließ mich kurz zusammenzucken, während er unsere Lungen abhörte, in den Hals blickte und die ersten Einträge in den Heimakten vermerkte.
Nach all diesen neuen Eindrücken, den Instruktionen und den versteckten Gedanken an zu Hause, die immer wieder durch die Flure wehten, neigte sich dieser erste, schier unendlich lange Tag im Haus Tanneck überraschend schnell dem Ende zu. Zum Abendessen versammelten wir uns erneut im Speisesaal. Auf den Tischen standen Platten mit frischem Brot, Käse, Wurst und Marmelade. Dazu dampfte aus großen Kannen heißer Pfefferminztee. Seine gelblich-grüne Farbe im weißen Becher, die wohlige Wärme, die er verströmte, und vor allem sein vertrauter, feiner Duft hatten etwas Tröstliches – eine kleine, wohltuende Brücke zurück ins eigene Elternhaus mitten in dieser fremden Umgebung. Der Aufguss wärmte den Magen und schenkte ein leises Gefühl von Geborgenheit.
Kaum war der letzte Schluck getrunken, hieß es auch schon: Abräumen und Aufbruch zur Nachtruhe. In einer stillen Prozession ging es zurück in die Schlafräume, rein in die Schlafanzüge und hinüber in den kühlen Waschraum zum gründlichen Zähneputzen und Händewaschen. Zurück im Zimmer kletterte ich rasch die kleine Leiter hinauf in mein oberes Etagenbett. Als ich mich unter die Decke kuschelte und der Kopf das Kissen berührte, spürte ich erst, wie bleischwer mir die Glieder von der langen Reise, den unzähligen Bildeindrücken und der ungewohnten, frischen Seeluft geworden waren. Draußen vor den Sprossenfenstern rauschte leise das Meer, während die Dunkelheit den ersten Tag auf Föhr sanft zudeckte.
Leise Worte flogen noch von Bett zu Bett durch das Halbdunkel des Zimmers. Ein unterdrücktes Lachen hie und da, ein geheimnisvolles Getuschel, das durch den Raum huschte. Doch dann trat eine Erzieherin herein. Mit einem leisen Rauschen zog sie die Vorhänge zu, sperrte das letzte Licht von draußen aus und hüllte den Raum in geborgene Dunkelheit.
„Jetzt ist Nachtruhe. Gute Nacht zusammen! Bis morgen Früh“, wünschte sie mit ruhiger Stimme, ehe der Schalter leise klackte und das Licht erlosch.
Irgendwo im Raum war noch ein ganz zartes, verdrossenes Flüstern zu hören, doch dann senkte sich die Stille vollends herab. Es wurde vollkommen ruhig. Eine schwere, wohltuende Müdigkeit legte sich über mich. Ich drehte mich ein paar Mal um – von einer Seite auf die andere, kurz auf den Bauch, wieder auf den Rücken –, bis der Körper von ganz alleine zur Ruhe kam und ich genau richtig lag. Ich fühlte mich wunderbar aufgehoben in meinem Bett. Der frische, kühle Duft der gewaschenen Wäsche stieg mir in die Nase, ganz vertraut und beruhigend, und leise glitt ich hinüber in den Schlaf.