So vergingen die Wochen zwischen bangem Warten und stiller Hoffnung, bis das Datum im Kalender unerbittlich näher rückte. Der Frühling hielt zaghaft Einzug, das Osterfest war vorübergezogen und auch mein neunter Geburtstag war gefeiert – ein Tag, der in jener klagenden Gewissheit stand, dass der große Einschnitt nun unmittelbar bevorstand. Und dann war er da, dieser eine Tag, der das Vorher vom Nachher trennen sollte.
Irgendwie – wie durch einen Schleier aus Aufregung und Geschäftigkeit – machten wir uns am Nachmittag auf den Weg aus unserer vertrauten Eisenbahnsiedlung über den Rhein nach Köln. Während die vertraute Kulisse aus Häusern und Gütergleisen hinter den Fenstern vorbeizog, rückte das Ziel mit jedem zurückgelegten Kilometer näher, bis wir schließlich den Bahnhof Köln-Deutz erreichten. Zum ersten mal war ich in Köln, das ich schon Jahre zuvor im Kindergarten mit den anderen Kindern besungen hatte – „Tuff, tuff, tuff, die Eisenbahn, wer will mit uns nach Kölle fahren?“ Doch unsere Reise endete nicht auf den gewohnten, lichtdurchfluteten Bahnsteigen oben, wo die Schnellzüge hielten. Wir stiegen hinab in den Bauch des Bahnhofs, hinunter nach Köln-Deutz (Tief), wo sich die Gleise zwischen mauerfeuchten Betonwänden duckten und die Luft nach kaltem Rauch und Bremsstaub roch.
Die Dämmerung senkte sich bereits wie ein schwerer Schleier über den Tiefbahnsteig von Köln-Deutz, wo sich Hunderte Kinder, aufgeregte Eltern und wachsame Betreuerinnen dicht aneinanderdrängten. Eine spürbare, fast elektrisierende Anspannung lag in der kühlen Luft. Die großen Reisekoffer waren längst per Bahnpost vorausgeschickt worden, sodass die kleinen Reisenden fast schwerelos warteten – nur ausgerüstet mit bunten Beuteln oder kleinen Umhängetaschen. Darin verbarg sich das Kostbarste für die lange Reise: ein paar sorgsam eingewickelte Brote, etwas Limonade, ein Stofftaschentuch und vielleicht ein kleines Spielzeug als stummer Tröster.
Über diesem ganzen Treiben lag eine ganz eigenartige, schwere Atmosphäre, die sich wie eine unsichtbare Glocke über das Gleis legte. Es war eine Ahnung von Vielem zugleich: Eine flirrende Spannung und neugierige Erwartung auf das Unbekannte mischten sich mit dem bitteren Geschmack des bevorstehenden Abschieds. Man spürte die stumme Sorge der Mütter, die ihren Nachwuchs nur schweren Herzens in fremde Hände übergaben, und die Nackenschläge der Angst, die bei vielen Kleinen knapp unter der Oberfläche saßen. Dazwischen bewegten sich geschäftig Frauen mit Klemmbrettern; sie führten kurze Gespräche, verteilten farbige Zettel und sammelten uns Kinder in geordneten Grüppchen. Auch mir zog sich beim Anblick der vielen fremden Gesichter das Herz zusammen, während meine Eltern mich fest zwischen sich nahmen.
Noch bevor der Sonderzug zu sehen war, kündigte er sich mit einem tiefen Grollen an, das wie Donner durch den betonierten Schacht des Bahnsteigs hallte. Das dröhnende Herz der Dieselmotoren ließ die kühlen Wände vibrieren, gefolgt vom hohlen Kreischen der Radkränze in den engen Gleisbögen. Dann schob sie sich langsam aus der Unterführung hervor: die rot-graue V 200, die stolze Paradelokomotive der Bundesbahn, deren Märklin-Modell bei mir zu Hause, auf meinen Gleisen ihren Dienst verrichtete. Ihr dreifaches Spitzenlicht schnitt scharf durch die einziehende Dunkelheit. Mit einem gewaltigen, zischenden Entweichen der Druckluftbremsen kam der Koloss zum Stehen. Aus den seitlichen Lüftungsgittern stieg der mir vertraute, schwere Geruch von warmem Maschinenfett und Dieselöl auf, während der lange Wulst aus Abteilwagen hinter ihr sanft ausrollte und die Türen geöffnet wurden.
Nach hastigen, nicht enden wollenden Abschiedsküssen, Umarmunngen und den letzten besorgten Ermahnungen der Mütter kletterten wir Kinder die steilen Trittstufen der alten Schnellzugwagen hinauf. Im Nu füllten sich die Abteile bis auf den letzten Platz. Die kleinen Beutel flogen auf die hölzernen Gepäckablagen, ehe die schweren Abteiltüren mit einem satten Klacken ins Schloss fielen. Als die Lokomotive ihre ungeheure Anzugskraft entfaltete und der Zug mit einem spürbaren Ruck anrollte, blieben der Bahnsteig, die Eltern zurück. Was folgte, war das stetige, rhythmische Klack-Klack der Schienenstöße – ein monotoner Herzschlag, der uns durch die gesamte Nacht begleiten sollte.
In den ersten Stunden flackerte die Unruhe noch einmal auf. Es wurde raschelnd verpflegt, gekichert und mit neugierig an die Scheiben gepressten Nasen in die Dunkelheit geblickt. Draußen zog die spektakuläre Kulisse des nächtlichen Ruhrgebiets vorbei: Ein Meer aus Lichterketten auf beleuchteten Rangierbahnhöfen, die schemenhaften Silhouetten riesiger Zechenanlagen und fauchenden Hochöfen. Mit fortschreitender Stunde machte sich Müdigkeit breit. Betreuerinnen schlichen mit Taschenlampen durch die Seitengänge, zogen die schweren Vorhänge zu und hüllten die Wagen in Sanftmut. Manche Kinder schliefen im Sitzen aneinandergelehnt ein, andere starrten in Gedanken vertieft mit halboffenen Augen in die vorüberziehende Nacht, wie gewiegt vom schaukelnden Takt der Gleise.
Tief in der Nacht überquerte der Stahlkoloss die Elbe. Mit kühler Nachtluft, die durch spaltbreit geöffneten Fenster strömte, passierte der Zug den Hamburger Hauptbahnhof – das Nadelöhr gen Norden.
Als das erste grau-blaue Frühlicht den Himmel erhellte, hatte sich die Welt draußen verwandelt. Das dichte Häusermeer der Industriezentren war den unendlichen, flachen Feldern Schleswig-Holsteins gewichen. Dann folgte der majestätische Höhepunkt der Reise: Über die imposante Rendsburger Schleife schraubte sich der Sonderzug langsam in die Höhe, um das kühne Stahlgebilde der Hochbrücke zu erklimmen. Tief unter den Fenstern zog der Nord-Ostsee-Kanal dahin, auf dem im ersten Dämmerlicht die Masten und Schornsteine träger Frachtschiffe lautlos vorbeiglitten.
Schließlich erreichte der Zug die wie weichgezeichnet wirkende Marschlandschaft Nordfrieslands. Der Tau glitzerte auf den endlosen Deichen und Schafweiden, und plötzlich lag er in der Luft: der unverkennbare, verheißungsvolle Duft von salzigem Meer und feuchtem Watt, den ich bis heute in der Nase habe, der Quell meiner Erinnerungen ist. Die Reise gipfelte in einem spektakulären Finale auf der Mole von Dagebüll. Die Schienen führten hier direkt durch ein Tor im Deich bis auf den Kai hinaus. Mit eisernem Quietschen bremste der Zug unmittelbar am Wasser. Draußen bot sich den schlaftrunkenen Augen ein unvergessliches Bild: Der Zug stand mitten im Meerwind, einer fischen Brise, umringt von kreischenden Möwen, die im Morgengrauen ihre Kreise zogen und die Kinderschar begrüßten.
Am Kai lagen zwei Inselfähren der Wyker Dampfschiffs-Reederei bereit, deren Motoren dumpf und beruhigend brummten, während dunkler Dieselrauch aus den Schornsteinen kräuselte. Die Decks waren bereits dicht an dicht mit Personenkraftwagen und beladenen Lastwagen zugestellt, die stumm auf die Überfahrt warteten. Als sich die Zugtüren öffneten, strömte die Schar der teils übermüdeten, aber erwartungsvollen Kinder ins Freie – ihre Beutel fest an sich gedrückt. Ohne jedes Gepäckchaos wurden wir besonnen in geordneten Gruppen an den stehenden Fahrzeugen vorbei und über die hölzernen Gangways an Bord geleitet, an Plätze mit freiem Blick auf die weite Nordsee.
Kaum war das letzte Kind sicher an Deck, lösten die Matrosen die feuchten Tauverbindungen. Mit einem tiefen, weithin schallenden Hornstoß löste sich unsere Fähre vom Kai. Es herrschte Ebbe, und das Meereswasser hatte sich weit zurückgezogen. Langsam und mit behutsamer Vorsicht tastete sich das Schiff durch das Labyrinth der freiliegenden Sandbänke, schlangenförmig den sogenannten Prickenwegen folgend – jenen natürlichen Fahrrinnen, die von den Schiffern mit büschelartigen Birke- oder Fichtenästen im Schlick markiert wurden, um den Schiffen auch bei niedrigem Wasserstand den sicheren Weg durch das Untiefengewirr zu weisen. Sanft schnitt der Bug durch das ruhige Fahrwasser des Wattenmeers, während das Festland langsam hinter uns verschwamm und das noch nicht zu sehende Ziel mit jedem Wellenschlag greifbarer wurde: die Insel Föhr.