Der Ruf der Nordsee

Das Jahr 1962 war kaum wenige Wochen alt, da hielt die Welt da draußen bereits den Atem an. Die verheerende Sturmflut an der deutschen Nordseeküste richtete im Februar katastrophale Schäden an, der Amerikaner John Glenn umkreiste als erster US-Astronaut die Erde im All, und auf den Bildschirmen der noch seltenen Fernsehgeräte verzauberten die Marionetten der Augsburger Puppenkiste eine ganze Generation von Kindern.

Für meine Eltern und mich aber rückte all dieses große Geschehen plötzlich weit in den Hintergrund. Die große Überraschung, die der Ausblick auf das neue Jahr versprochen hatte, kündigte sich bei uns keineswegs mit einem fröhlichen Paukenschlag an. Sie schlich sich vielmehr leise, aber unerbittlich durch die Hintertür in unser Leben – herangeführt von den feuchtkalten Nebelschwaden, die in jenen Wintertagen schwer über der Siedlung hingen.

Die Luft in unserer Eisenbahnsiedlung war seit jeher ein eigenwilliges Gemisch. Sie schmeckte nach dem feuchten Ruß der rangierenden Dampflokomotiven, nach dem Staub des Verschiebebahnhofs und den stechenden Abgasen der umliegenden Schlotlandschaften. Was für uns Kinder jahrelang einfach der vertraute Duft der Heimat gewesen war, forderte mit der Zeit seinen Tribut. Meine Bronchien fingen immer häufiger und bedrohlicher an zu rasseln, das Atemholen fiel mir von Woche zu Woche schwerer, und die Erkältungen häuften sich.

Die Wege hinab in das Parterre zu Dr. Nedden wurden zu einer festen, beinahe wöchentlichen Routine. Ich stieg die Treppe hinunter, und aus dem kleinen Patienten wurde rasch ein treuer Stammkunde. Geduldig saß ich am Inhaliergerät, atmete den feinen, kühlen Dampf ein, der intensiv nach Eukalyptus schmeckte und scharf in der Nase brannte, oder lag schweigend unter der Höhensonne, deren künstliches UV-Licht meine Augen hinter der dunklen Schutzbrille wie eine ferne, fremde Sonne blendete. Doch all die Sitzungen, all die wohltuende Wärme und die aromatischen Dämpfe brachten nicht den erhofften Durchbruch. Das Rasseln in meiner Brust blieb ein hartnäckiger Begleiter.

Eines Tages legte Dr. Nedden nach dem Abhorchen sein Stethoskop zur Seite, blickte meine Mutter ernst, aber wohlwollend an und sprach ein Machtwort: Eine Kindererholung musste her. Eine gründliche Auszeit an der frischen, heilenden Luft.

Von diesem Moment an veränderte sich die Stimmung im Hause. Der Briefkasten, der mir sonst so viel Freude mit der Abholkarte für den Märklin-Katalog beschert hatte, spuckte nun jede Menge amtlichen Papierkram aus. Behördenformulare, Anträge, Stempel und lange Merkblätter füllten den Küchentisch. Irgendwo da draußen, an einer mir vollkommen unbekannten Stelle und von fremden Menschen an grünen Schreibtischen, wurde über mein Schicksal entschieden. Schließlich lag der besiegelte Bescheid vor uns auf dem Tisch, und meine Eltern teilten mir mit ungewohnter Stimme das Ergebnis mit: Es sollte nach Wyk auf Föhr gehen. Auf eine nordfriesische Insel. In eine Einrichtung namens Haus Tanneck. Ich kannte bisher weder eine Insel schon gar nicht die Nordsee; ich kannte doch nur den Kruppsee! Terminiert war die Maßnahme auf den Zeitraum irgendwann zwischen Ostern und den Sommerferien – für die schier unendliche Dauer von sechs vollen Wochen.

Erst als Erwachsener sollte ich erfahren, dass Wyk auf Föhr damals ein bekannter Anlaufpunkt für die sogenannte Kinderverschickung war. In jenen Nachkriegsjahrzehnten wurden jedes Jahr Tausende Kinder aus dem ganzen Bundesgebiet ins gesundheitsfördernde Reizklima an die Nord- und Ostsee geschickt. Dutzende Erholungsheime prägten das Bild des Nordseebades, um den Kleinen frische Seeluft und körperliche Kräftigung zu bieten.

Die behördlichen Unterlagen schrieben mit bürokratischer Akribie vor, was für diese lange Zeit alles vorzubereiten und mitzugeben war. Jedes einzelne Wäschestück musste akkurat mit meinen eingewebten oder gestickten Initialen gekennzeichnet werden. Die genaue Anzahl von Hemden, Hosen, Socken und Unterwäsche war aufs Strengste vorgegeben. Selbst die Dinge, die auf gar keinen Fall in das Gepäck durften – allen voran jegliche Art von Süßigkeiten –, waren penibel aufgelistet. Und ein Detail hat sich mir bis heute tief ins Gedächtnis eingebrannt: Genau fünf D-Mark Taschengeld waren mir für die gesamten sechs Wochen zugestanden. Nicht mehr und nicht weniger – aber wohl nötig, obwohl ich mir im Stillen erhoffte, wie zu Hause bei meinen Eltern rundum versorgt zu werden.

Der Koffer musste schließlich vollgepackt, sorgfältig verschlossen und rechtzeitig als Reisegepäck vorausgeschickt werden. Mein Vater und ich machten uns deshalb auf den Weg zur Gepäckabfertigung nach Rheinhausen, um das schwere Stück am Schalter aufzugeben. Als der Koffer mit dem Zielanhänger Haus Tanneck, Wyk auf Föhr auf einem Gepäckwagen verschwand, fühlte es sich an, als sei der erste Teil meines gewohnten Lebens bereits auf die Reise geschickt worden.

Die Fahrroute stand ebenfalls schwarz auf weiß geschrieben: Es sollte mit einem speziellen Sonderzug für Erholungskinder von Köln-Deutz (Tief) aus losgehen, quer durch das dicht besiedelte Ruhrgebiet, weiter nach Norden über Hamburg bis zum Festlandshafen nach Dagebüll – und von dort aus schließlich mit der Inselfähre hinüber auf die Insel Föhr.

Meine Eltern spürten die große Unsicherheit und die schleichende Angst, die sich in mir breitmachen wollten. Mit unendlicher Geduld versuchten sie in den verbleibenden Tagen, mir die schweren Gedanken zu nehmen und stattdessen einen Funken Neugier auf das große Abenteuer zu wecken. Sie erzählten mir von der Nordsee, vom geheimnisvollen Wattenmeer, über das man bei Ebbe wandern konnte, von den Wattwürmern, den riesigen Sanddünen, den majestätischen Ausflugsschiffen, schimmernden Muscheln und all den seltsamen Fischen, die dort in den Fluten schwammen. Doch bei mir machte sich Skepsis breit: Schließlich waren meine Eltern selbst noch nie dort gewesen – woher wollten sie all das also wissen? Vater legte mir aufmunternd die Hand auf die Schulter und gab mir ein ganz besonderes, festes Versprechen: Er würde während meiner Abwesenheit an unserer Märklin-Anlage weiterbauen – genau so, wie wir es in unseren gemeinsamen Plänen Schritt für Schritt besprochen hatten.

Dennoch blieb eine fremde Ungewissheit. Keiner meiner Freunde aus der Siedlung war je dort oben auf dieser Insel im hohen Norden gewesen, und niemand von ihnen hatte je davon erzählen können. Föhr schien in meinen Gedanken wie eine Welt am Ende der Erde zu liegen – eine Insel, vollkommen vom Festland abgeschnitten, mitten im Meer gebettet und einzig und allein mit dem Schiff erreichbar.

Eine Welle von Beklemmung erfasste mein kleines Kinderherz. Sechs Wochen – das war für mich eine Ewigkeit, ein halbes Leben! Und das nicht etwa als Schulausflug mit vertrauten Klassenkameraden, sondern ganz allein. Allein mit vielen anderen, mir völlig fremden Kindern. Allein unter unbekannten Betreuern und Erziehern. Allein auf einer langen, beschwerlichen Zugreise, die mich Schritt für Schritt weiter weg von allem zog, was mir Halt und Geborgenheit gab.

Als ich abends in meinem Bett lag, wanderte mein Blick durch das halbdunkle Zimmer. Draußen blickte die Laurentiuskirche stumm zu mir herüber, im Raum roch es noch leicht nach den Äpfeln von Tante Käthe, und am Fenster schimmerten die unberührten Metallgleise meiner geliebten Märklin-Anlage im Schein der Straßenlaterne. All das sollte ich zurücklassen: meine Mutter Addy mit ihrer fürsorglichen Wärme, meinen Vater Franz, mit dem ich so manches Signal aufgestellt hatte, meine Freunde aus der Siedlung und mein mühsam aufgebautes, kleines Reich. Ein tiefes Gefühl von Verlassenheit stieg in mir auf bei dem Gedanken, in eine vollkommen fremde Welt geschickt zu werden, weit weg von allem, was ich liebte.