Mein Blick streifte über das dunkle, kühle Wasser, dessen sanfter Wellengang die Fähre wiegte. Um mich herum lag dieser ganz typische, erfrischende Geruch der Nordsee und des feuchten Wattbodens, während mir ein frischer Wind böig durch die Haare fuhr.
Für einen kurzen Augenblick schloss ich die Augen und erinnerte mich wehmütig an das kleine Klämmerchen, das meine Mutter mir zu Hause gelegentlich ins Haar steckte, damit mir die Strähnen nicht ständig ins Gesicht fielen. Als ich die Augen wieder aufschlug, drang das stetige Klatschen der Wellen gegen den stählernen Schiffsrumpf an mein Ohr, begleitet vom kreischenden Rufen der Möwen, die das Schiff pausenlos umkreisten oder sich kühn auf den Masten niederließen, und dem unermüdlichen, dröhnenden Stampfen des Dieselmotors tief im Bauch der Fähre.
Die Mole von Dagebüll lag bereits weit hinter uns. Am Horizont ging langsam die Sonne auf und vertrieb mit ihren ersten goldenen Strahlen allmählich den feuchten Dunst über der See. Egal, wohin man schaute: rundherum nur schimmerndes Wasser. Von der viel beschworenen Insel, von der man mir zu Hause erzählt hatte und die Föhr heißen sollte, war weit und breit nichts zu sehen. Wo ging diese Reise bloß hin?
Um mich herum drängten sich die vielen Kinder – Jungen und Mädchen im Alter zwischen fünf und vierzehn Jahren. Nach der langen, schlaflosen Fahrt im Sonderzug durch die dunkle Nacht stand ihnen die tief sitzende Müdigkeit in die Gesichter geschrieben. Doch zugleich lag eine flirrende Neugier in ihren Blicken, als sie in diese ihnen vollkommen fremde Welt hinausspähten. Es war eine Mischung aus Abenteuerlust und banger Erwartung vor dem, was da kommen mochte.
Und dann – fast wie in einer jener abenteuerlichen Seefahrtsgeschichten, die man sich sonst nur im Stillen ausmalte – war plötzlich Land in Sicht! „Da! Da drüben! Das muss sie sein!“, riefen die ersten aufgeregten Stimmen über das Deck.
Und tatsächlich: Nach einer erstaunlich kurzen Überfahrt war die Fähre den Ausläufern der Insel nahegekommen. Der Kapitänsgruß schallte durch die Lautsprecher, der Motor drosselte spürbar seine Drehzahl, und das Schiff glitt mit ruhiger Eleganz in den Hafen von Wyk hinein, bis es sanft an der Mole anlegte.
Am Kai erwartete man uns bereits. Zahlreiche helfende Frauen standen winkend am Pier und hielten große Schilder an Holzstangen in die Höhe, auf denen in deutlichen Buchstaben die Namen der verschiedenen Kindererholungsheime gemalt waren.
Auf einem davon war unübersehbar zu lesen: Haus Tanneck. Das also war der Ort, der in den nächsten sechs Wochen auf mich wartete. Ohne große Umschweife wurden wir in geordneten Gruppen den einzelnen Heimen zugeteilt, Mädchen und Jungen getrennt.
Schließlich setzte sich unsere Schar für das Haus Tanneck gemeinsam mit einigen engagierten Frauen in Bewegung. Wir verließen das Hafengelände und marschierten durch den beschaulichen Ort Wyk.
Der Weg führte uns durch enge, kopfsteingepflasterte Gassen, vorbei an reetgedeckten Häusern und an einem ganz besonderen Anwesen, dem Friesen-Museum, dessen Eingang von zwei riesigen Blauwalkieferknochen gerahmt wurde, die wie ein sagenumwobenes Torbogenpaar gen Himmel ragten. Den aus der Eisenbahnsiedlung gewohnten Lärm des Bahnbetriebs, die grauen Rußwolken und den giftigen Geruch der Dämpfe aus den Schloten vermisste ich kein bisschen; stattdessen genoss ich die erfrischende Stille, den leichten Wind auf der Haut und den für mich vollkommen neuen, wohltuenden Geschmack und Duft der salzhaltigen Luft. Ich fühlte mich, als würde ich selbst nicht vor, sondern geradezu in dem Inhaliergerät von Dr. Nedden sitzen.
Allmählich wandelte sich das Bild: Hohe Kiefern säumten den Pfad, das Aroma von Harz mischte sich in die salzige Meeresluft, bis wir das Gelände von Haus Tanneck erreichten. Über die Kiesauffahrt ging es an die Rückseite des stattlichen Hauses. Ein paar ausgetretene Steinplatten führten uns einige Stufen hinab durch eine schwere Tür direkt in einen kühlen Kellerraum, der exakt wie die Umkleide einer Schulturnhalle ausgestattet war: lange Holzbänke mit abgenutzten Garderobenhaken darüber und eine praktische Schuhablage an der Wand. Hier mussten schon viele Kinder vor mir gewesen sein.
Wir hatten unser Ziel erreicht. Das Gepäck wurde abgestreift, die dicken Jacken wurden an die Haken gehängt, und dann begann das Prozedere der Einteilung. Einzeln wurden unsere Namen aufgerufen, ehe man uns in drei Altersgruppen untergliederte: die Kleinen, die Mittleren und die Großen. Als Neunjähriger gehörte ich zu den Mittleren.
In Haus Tanneck wurde die Trennung zwischen Jungen und Mädchen streng eingehalten. Die Schlafräume lagen in jeweils vollkommen eigenen Gebäudeteilen; die Mädchen waren in einem deutlich jüngeren, moderner wirkenden Anbau untergebracht, sodass sich unsere Pfade im Alltag nur selten kreuzen sollten.
Eine Erzieherin führte unsere Jungengruppe durch das alte Hauptgebäude. Im Erdgeschoss kamen wir an einem großen Raum vorbei, dessen hohe Doppeltür weit offen stand. Flüchtig blickten wir auf eine Unmenge geordneter Tische und Stühle – offensichtlich der Speiseraum des Heimes. Von dort ging es über eine breite, bei jedem Schritt leicht knarzende Holztreppe hinauf in die erste Etage zu unserem Schlafraum.
Im Zimmer standen reihenweise weiße Etagenbetten aus schnörkelloser Stahlrohrkonstruktion, jeweils flankiert von zwei schlichten, weiß lackierten Holzhockern. Schnell waren die Schlafplätze verteilt, und ich sicherte mir mit einem raschen Satz das obere Bett. Auf dem kleinen Hocker neben der Leiter legte ich die wenigen Habseligkeiten ab, die ich in meinem Beutel mit mir trug.
Überwältigt von der Neugier zog es uns sofort an die zwei großen Sprossenfenster. Wir drückten unsere Nasen an die kühlen Scheiben und staunten stumm über das Panorama, das sich vor unseren Augen ausbreitete: Unser Blick wanderte über einen schmalen, dichten Grünstreifen voll knorriger Bäume und wilder Sträucher, weiter über die Grasnarbe eines Deiches mit seinem schmalen Fußweg auf der Kuppe, hinunter zum feinen Sandstrand – und schließlich weit hinaus über die schäumenden Wellen der Nordsee. Ein Platz, um alles zu vergessen – und sich an alles zu erinnern.
Ein leiser Hauch von Wehmut stieg in mir auf, während mein Blick über das ferne Wasser glitt. Die Gedanken wanderten unwillkürlich zurück nach Hause: zu meinen Eltern und meinen Freunden in der vertrauten Eisenbahnsiedlung. Was würde mich hier, so weit entfernt von allem Vertrauten, mitten in dieser ganz eigenen Welt aus Ebbe und Flut erwarten? Welche Überraschungen und Abenteuer würden diese geheimnisvollen Wellen anspülen? Würde das Essen hier schmecken? Wie würden die anderen Jungen im Schlafraum sein – und wie die Erzieherinnen? Würden sie wirklich versuchen, mich zu „erziehen“ oder gar zu verziehen? Würden sie streng sein, vielleicht sogar sehr streng? So stand ich noch eine ganze Weile am Fenster und schaute hinaus über das unruhige Spiel der Wogen – ohne eine Antwort zu bekommen.
Plötzlich riss uns eine Erzieherin aus unseren Gedanken. Sie betrat den Raum und rief mit bestimmter, heller Stimme in die Runde: „Mittagessen!“ Sie nahm unsere Gruppe in Empfang und geleitete uns die Holztreppe wieder hinab in den großen Speisesaal.
Als wir eintraten, saßen die Kleinen bereits an ihren Plätzen. Manche von ihnen wirkten unglücklich und ganz in sich gekehrt; hier und da drückte ein Kind stumm die Stirn gegen die Tischkante, und vereinzelt flossen leise, dicke Tränen über blasse Wangen. Kurz darauf stießen auch die Großen zu uns.
Während sich der Raum langsam mit verhaltenem Stimmengewirr füllte, wurde jedem von uns sein fester Tisch zugewiesen. Ich setzte mich, strich mir die Haare aus der Stirn und blickte auf das sehr schlichte, weiße Porzellan vor mir. Das Geschirr mit Hahn und Henne, das ich aus meinem Kindergarten in der Eisenbahnsiedlung kannte, gefiel mir eindeutig besser.
Ein Magenknurren, wahrscheinlich vor Aufregung, meldete sich – und mit ihm ein tiefes Gefühl der Erwartung. Was würde gleich in den Schüsseln dampfen? Und vor allem: Was würde dieses fremde Haus, dieser ferne Ort im Meer, in den kommenden sechs Wochen noch alles für mich bereithalten?