Träume und Apfelduft

Noch am selben Tag, als die heiß ersehnte Karte im Briefkasten lag, gab es für mich kein Halten mehr. Kaum war ich von der Schule nach Hause gekommen und hatte meine Hausaufgaben gewissenhaft erledigt, schnappte ich mir mein inzwischen ebenfalls größer gewordenes Fahrrad – ein Jugendrad aus dem Hause Nibbeling in Krefeld-Uerdingen. Meine Fahrt führte mich entlang der Bahngleise, vorbei am Kruppsee in Friemersheim und über die Straßenbrücke vor dem Bahnhof Rheinhausen hinein in die Krefelder Straße zum Spielwarengeschäft Hembach. Dort löste ich stolz die Karte ein und nahm das begehrte Werk in Empfang. Ich befestigte den druckfrischen Märklin-Katalog sorgfältig auf dem Gepäckträger und machte mich auf demselben Weg zügig wieder heimwärts. Zuhause angekommen, vertiefte ich mich sogleich in das intensive Studium dieser kostbaren Lektüre – so sehr, dass ich kaum Zeit für das Abendessen und erst recht keine Gedanken an einen frühen Schlaf verschwendete.

Ganz gleich ob am Abend auf dem Bett oder am Nachmittag am Tisch – das Blättern in diesem dicken Heft beflügelte die Baupläne in meinem Kopf. Mein neues, eigenes Zimmer in der Uerdinger Straße bot schließlich nun den Raum, um all diese Gedanken nicht nur zu träumen, sondern auch endlich in die Wirklichkeit umzusetzen. Nun musste die Eisenbahn nach dem Spielen nicht mehr mühsam abgebaut und in Schachteln verstaut werden; das eigene Reich erlaubte es, eine Anlage großzügiger und auf Dauer anzulegen.

Die neue Paradestrecke sollte eine gewaltige U-Form bekommen, die sich über die gesamte Breite des Zimmers direkt vor dem Fenster erstreckte. Bei der Planung war mein Vater Franz natürlich voll und ganz auf meiner Seite. Er zeigte einen Enthusiasmus, der mich hin und wieder sogar zu dem heimlichen Verdacht verleitete, er könnte irrtümlicherweise meinen, es handele sich hier um seine Eisenbahn. Aber sein leidenschaftliches Engagement in meiner Sache war absolut ehrenhaft – er war eben durch und durch Eisenbahner, und das längst nicht nur als Lokführer auf seinen großen Dampfloks im Betrieb, sondern mit jeder Faser seines Herzens auch für meine kleine Welt.

Meine Mutter Addy bat sich bei all unserem Eifer nur eine einzige Bedingung aus: Der Streckenteil unmittelbar unter dem Fenster durfte nur so tief werden, dass sie den Griff ohne waghalsige Turnübungen jederzeit zum Öffnen und Putzen erreichen konnte. Wir Männer respektierten diesen Wunsch natürlich ohne Widerrede; schließlich wollten wir keinen vermeidbaren Ärger im Hause beschwören.

Es blieb keineswegs bei der grauen Theorie auf dem Papier. Vater war der erfahrene Bauherr, ich sein stolzer, unermüdlicher Handlanger. Seite an Seite legten wir Hand an und zimmerten nach und nach das stabile Grundgerüst auf. Mit jeder festgezogenen Schraube und jedem gesägten Holzlattenstück wuchs in mir die Vorfreude auf das bevorstehende Weihnachtsfest.

Die Platte in Form eines sanft abgerundeten Us ruhte fest auf einer Holzkonstruktion in angenehmer Tischhöhe. Damit das Werkeln und Aufbewahren darunter ordentlich aussah, hatte Mutter den Raum unter der Platte mit einem unigelben Stoff verkleidet, den man wie einen kleinen Vorhang geschmeidig zur Seite schieben konnte. Auf der Oberfläche entwickelte sich von Tag zu Tag ein immer dichteres Netz aus schimmernden Metallgleisen – und das Fenster blieb für ihren regelmäßigen Putzeinsatz bestens zugänglich.

Ich war rundum glücklich. Wenn Vater müde von seinem Dienst bei der Bahn nach Hause kam, setzten wir uns zusammen. Wir verlegten Gleise und Weichen, bauten kleine Häuschen, stellten Signale auf und ließen die Züge gemeinsam kreisen. Mutter saß oft leise dabei, schaute uns schmunzelnd zu und freute sich von Herzen über die kleine Welt, die wir da erschufen. Ab und zu naschte sie dabei einen knackigen Apfel – jene Äpfel aus dem Garten von Tante Käthe und Onkel Albert in Kamp-Lintfort, die sie für die langen Wintermonate sorgsam auf ausgebreitetem Zeitungspapier hoch oben auf dem Schlafzimmerschrank eingelagert hatte und deren süßlicher Duft nun leise durch unsere neue Wohnung zog.

Ich hatte mein eigenes Zimmer, ein großes Bett und meine Eisenbahn, die Tag für Tag wuchs. Vor allem aber hatte ich meinen neuen Märklin-Katalog – meinen ganz persönlichen Bestseller, die sprudelnde Quelle all meiner Wünsche und den Stoff für schier endlose Träume und Pläne. Ich kannte jede einzelne Seite, jedes detailreiche Bild einer Lokomotive, jede technische Beschreibung und jeden Preis. Ich wusste genau um die Artikel, die ich mir erhoffte und deren Erfüllung mir im Bereich des Möglichen schien – aber eben auch um jene kostbaren Schätze, die selbst bei einem mir noch so wohlgesonnenen Christkind unerreichbar bleiben würden. Allen voran das legendäre, dunkelgrüne Schweizer Krokodil, das erhaben auf den Seiten prangte und meine Phantasie auf eine ferne Reise über verschneite Bergpässe schickte.

Wie auf glatt geschliffenen Steinen im plätschernden Bach sprang ich, stets begleitet von all diesen Wünschen und Träumen, von einem Fest zum nächsten hinüber ins neue Jahr. Vorbei am heimeligen Schein der St.-Martins-Laternen, über das aufgeregte Stiefelputzen zum Nikolaus, das festliche Strahlen an Weihnachten bis hin zum Knallen und den Glückwünschen von Silvester und Neujahr. So hineingeglitten in das Jahr 1962 – in jenes Jahr, in dem ich nicht nur neun Jahre alt werden, sondern mich auch für lange Zeit auf eine sehr weite Reise begeben sollte. Eine Reise, nach deren Rückkehr zu Hause eine ganz besondere, große Überraschung auf mich warten sollte.