Kostbare Augenblicke

Die verbleibenden Wochen jenes Jahres 1961 füllten sich mit unzähligen kostbaren Augenblicken, die sich tief in mein Gedächtnis einbrannten. Es war eine Zeit voller unbeschwerter Glückseligkeit und tiefer Zufriedenheit, in der jeder Monat sein eigenes, vertrautes Versprechen bereithielt.

Schon das Frühjahr reihte einen Festtag an den nächsten. Am Muttertag lag eine ganz besondere, leise Ehrfurcht über den Wohnungen, wenn wir Kinder mit stolz klopfendem Herzen unsere selbst gebastelten Aufmerksamkeiten überreichten. Nur wenig später folgte Christi Himmelfahrt und mit ihm der Vatertag, an dem ein feierlicher, leichter Ton das Haus erfüllte. Doch das erste wirklich große, mit glühender Sehnsucht erwartete Spektakel des Frühlings führte uns nach Geldern zur traditionellen Pfingstkirmes. Mein Patenonkel Willy wohnte dort mit seiner Familie direkt auf dem Ostwall – mitten im Geschehen. Es war eine schier magische Adresse: Wer dort aus der Haustür trat, stand nicht etwa auf einem gewöhnlichen Bürgersteig, sondern befand sich nach nur wenigen Schritten mitten im bunten, wuselnden Kirmestreiben. Ein betörendes Gemisch aus Zuckerwatte, frisch gebrannten Mandeln, klebrigem Türkischem Honig und dem krossen Duft von gebratenem Backfisch lag schwer in der Maienluft. Dazwischen mischte sich das gewohnte, ölige Aroma der schwer arbeitenden Motoren der Fahrgeschäfte. Die Schlager jener Tage dröhnten aus allen Lautsprechern durcheinander und übertönten das Lachen und Rufen der Menschenmenge: Der Babysitter-Boogie, Da sprach der alte Häuptling der Indianer, Ramona.

Von den Fahrgeschäften hielt ich mich jedoch weitgehend fern – vor allem von den wilden Karussells, auf denen die Mitfahrenden lauthals kreischten und schrien. Mir reichte es schon damals völlig, dem bunten Treiben bloß zuzuschauen. Auf dem Kinderkarussell reizte mich allenfalls der kleine rote Trecker oder zur Not das Feuerwehrauto. Auch die drei nebeneinander montierten Fahrräder konnten mich nicht locken – schließlich hatte ich ein viel schöneres zu Hause stehen. Dank des Kirmesgeldes, das mir von den Erwachsenen schmunzelnd und heimlich zugesteckt worden war, fühlte ich mich dennoch wie ein kleiner König.

Kaum war der Kirmesrummel verflogen, bestimmten die aufregenden Vorbereitungen auf den Sommerurlaub unsere Abende. Es sollte wieder in die Berge gehen – zurück ins vertraute Zillertal zur lieben Familie Troppmair. Die Vorfreude war dieses Mal jedoch doppelt so groß, denn wir fuhren nicht nur zu dritt: Meine Oma Anna aus Xanten war ebenfalls mit von der Partie. Für meine Großmutter war dies etwas ganz Außergewöhnliches, denn sie hatte noch nie in ihrem Leben eine so weite Reise angetreten, geschweige denn jemals überhaupt Urlaub gemacht. Umso ergreifender war es, sie in diesen Wochen zu erleben: Oma war voller Glück und Seligkeit, und es war eine reine Freude mitzuerleben, wie sehr sie diese für sie so wunderschönen Tage im Zillertal in vollen Zügen genoss. Die hohen Berge, die klare Gebirgsluft, das Rauschen der Ziller und die herzliche Gastfreundschaft der Troppmairs ließen uns alle den Alltag vollkommen vergessen.

Gestärkt und überreich an neuen Erinnerungen kehrten wir im Hochsommer wieder in die Heimat zurück – pünktlich zum nächsten Höhepunkt vor unserer eigenen Haustür. Im August hielt die Kirmes Einzug in unserer Eisenbahnsiedlung und verwandelte den sonst so beschaulichen Platz vor dem Haus Rheindamm in ein sehr überschaubares Festgelände. Hier brauchte man keine weiten Wege zu gehen: Ein Autoselbstfahrer und ein Kinderkarussell luden zum Fahren ein, während am Bierpavillon der Rheingold-Brauerei vor Haus Rheindamm die Nachbarn bei einem kühlen Getränk zusammenkamen. Auf der Henschelstraße, direkt vor dem Saal an Haus Rheindamm, war eine Schießbude aufgebaut. Dort wurde mit Luftgewehren konzentriert auf Gipsröhrchen gezielt, und bei einem Treffer wurden dem Schützen Fähnchen, Schraubenzieher, eine Blume oder gar eine Pfauenfeder zur Belohnung gereicht. Gleich daneben, vor der Übernachtung, lockte eine Losbude mit Gewinnen, die in Wirklichkeit keiner gebrauchen, aber dennoch jeder haben wollte. Mein Vater drückte mir ein paar Groschen in die Hand, und vom Kirmesfieber gepackt trat ich an den Stand. Niete um Niete entrollte sich in meinen Fingern – doch dann geschah das kleine Wunder: Ich zog den Hauptgewinn! Mein Preis war ein gigantischer, weicher Plüschbär. Überglücklich und voller Stolz trug ich den neuen Gefährten nach Hause. In unserer Wohnung wurde der riesige Geselle allerdings rasch zu einer echten Herausforderung: Weil sein massiver Bärenkörper vom Architekten bei der Grundrissplanung unserer Zimmer schlichtweg nicht vorgesehen gewesen war, wanderte der stumme Mitbewohner fortan in ständig wechselnden Etappen von einer Ecke in die nächste – bis er eines Tages sang- und klanglos verschwand.

So neigte sich der Sommer langsam seinem Ende zu, und der Schulalltag holte uns rasch wieder ein. Doch gerade als die Tage spürbar kürzer wurden, lag erneut ein ganz besonderer Zauber in der Luft. Gegen Ende der Ferien begann für mich das große, ungeduldige Warten auf den Postboten. Und dann, an einem ganz gewöhnlichen Nachmittag, lag sie endlich im Briefkasten: die kleine, unscheinbare braune Karte – die heiß ersehnte Abholkarte für den neuen Märklin-Katalog.