Wie Seifenblasen

Die Wellen der Erinnerung an die Wochen im Haus Tanneck auf der Nordseeinsel Föhr trugen mich sanft, aber unaufhaltsam zurück in den vertrauten Alltag der Eisenbahnsiedlung. Schon bald bestimmte wieder der gewohnte Rhythmus mein Leben: das Lachen meiner Freunde auf den Straßen, das Rascheln der Gräser in den Rheinwiesen, das Schaben der Kreide an der Schultafel. Ich war wieder ganz zu Hause. Doch so wie die Wellen der Erinnerung langsam am Strand ausliefen, schlich sich ein sonderbares Gefühl in mein Herz. Irgendetwas hatte sich verändert. Es war kaum greifbar, schwebte wie ein leiser Ton in der Luft – vor allem daheim in unserer Wohnung an der Uerdinger Straße.

Sogar Dr. Nedden blieb stehen, als er mir auf der Straße begegnete, und legte mir freundlich die Hand auf die Schulter. „Guten Tag, Franz-Georg! Wie war es denn in der Kindererholung? Hat es dir an der Nordsee gefallen? Mensch, du siehst gut aus, das freut mich wirklich!“, sagte er gutmütig. Mit glänzenden Augen erzählte ich ihm von der salzigen Brise, den Sandburgen und den Ausflügen. Er hörte aufmerksam zu, fragte interessiert nach und schmunzelte schließlich: Er hoffe wohl gemeinsam mit mir, dass seine medizinische Höhensonne und das fauchende Inhaliergerät in der Praxis in nächster Zeit erst einmal Pause bei mir hatten.

Dass der liebe Jung wohlbehalten und gut erholt aus Wyk zurück war, sprach sich in der Verwandtschaft wie ein Lauffeuer herum. Es dauerte nicht lange, da saß ich im Kreise der Familie und berichtete aus erster Hand: Oma Anna, Opa Fritz, Tante Käthe und Onkel Albert hörten gespannt zu, während auch meine Patentante Marianne und Patenonkel Willy stolz nickten.

Die Zeit schien ohnehin ein wenig schneller zu laufen in diesem Spätsommer. Die kleine Bimmelbahn-Schallplatte drehte sich nur noch selten auf dem Teller unserer Musiktruhe, und das Testbild im Fernsehen wich immer längeren Sendezeiten. Aber auch die große Welt da draußen schien merkwürdig in Bewegung geraten zu sein. Wenn die Erwachsenen am Radio saßen oder abends schweigend vor den Tagesschau-Nachrichten verharrten, fielen Worte, die wir Kinder nur halb verstanden, deren ernster Klang sich aber tief einprägte: Da war das Entsetzen über die Mauer, die man drüben in Berlin hochgezogen hatte, die Bedenken wegen der verheerenden Flutkatastrophe an der Nordseeküste, die die Menschen im Frühjahr erschüttert hatte, und das leise Bangen vor einer bedrohlichen Krise zwischen Amerika und Russland, die in der Luft lag.

Doch in unserer Welt ging der Alltag seinen gewohnten Gang. Ein eigenes Auto besaßen wir zwar immer noch nicht, doch das brauchten wir auch gar nicht. Wir schwangen uns auf die Fahrräder, um nach Osterath zu Tante Marianne zu strampeln, oder fuhren mit Bus und Bahn nach Rheinhausen, Duisburg und Krefeld – und immer häufiger zum Johanniter-Krankenhaus in Rheinhausen.

Denn das große Geheimnis war nun gelüftet und hieß: Ein Geschwisterchen ist unterwegs!

Gefragt hatte mich wie schon bei meiner Namensgebung vorher mal wieder keiner. Was hätte ich auch sagen sollen oder ändern können? In meinem Kopf explodierte ein Feuerwerk aus bunten Bildern. Ich war außer mir vor Freude: Endlich ein Bruder! Ich sah ihn schon vor mir, wie ich ihn an der Hand durch die schattigen Rheinwiesen führen würde – hinein in die große Welt unserer Abenteuer. Ich würde ihm meine Freunde vorstellen. Er würde mein Gefährte sein, der mit mir durch Dick und Dünn ging, der sich mit mir ein Zimmer teilte, mit dem ich um die Wette Fahrrad oder Rollschuhe fuhr und morgens zur Schule lief. Gemeinsam würden wir am Sankt-Martins-Abend unsere Laternen tragen, das Geheimnis von Weihnachten teilen und sonntags in der Kirche nebeneinander sitzen oder die Messe dienen. Ich träumte davon, wie wir zusammen mit unseren Eltern nach Xanten, Kamp-Lintfort und Osterath fahren würden, wie er an meiner Seite durch das Zillertal tobte und – natürlich! – wie wir gemeinsam sechs Wochen im Haus Tanneck auf Föhr verbringen würden. Wir würden Muscheln und getrocknete Seesterne sammeln, im Etagenbett mal oben, mal unten schlafen, gemeinsam den Mittagsschlaf in der Ruhehalle halten und morgens mit großem Appetit das Müsli löffeln. Ich konnte den Tag, an dem er endlich auf die Welt kam, kaum noch erwarten.

Und dann kam dieser unvergleichliche Tag: Es war der 3. September 1962.

Morgens, mitten in der großen Pause, erhellte plötzlich eine vertraute Gestalt den Schulhof meiner katholischen Volksschule. Mein Vater Franz kam auf das Gelände geeilt, über beide Wangen strahlend. Mein Herz machte einen gewaltigen Sprung. Jetzt ist es endlich soweit! Er ist da, mein Bruder! Eine ganz neue Zeit beginnt!, schoss es mir durch den Kopf; ich war mir sicher.

Innerhalb weniger Sekunden umringten meine Schulfreunde und ich meinen Vater. Er hielt kurz inne, sah mich voller Stolz und bewegter Freude an und verkündete laut in die Runde:

„Marion – Deine Schwester ist da!“