Die letzten Tage

Wenn am nächsten Morgen die Sonne wieder durch die Ritzen der Vorhänge brach, erwachte das Heim zu neuem Leben. Kein Tag glich dem anderen, und doch folgte alles einem unsichtbaren, heilenden Rhythmus. Jeder Handgriff, jede Stunde war auf unsere Erholung ausgerichtet: Die salzige Nordseeluft sollte unsere Atemwege stärken, das regelmäßige, solide Essen für die ersehnte Gewichtszunahme sorgen. Die Nachmittage gehörten den schier endlosen Spaziergängen, den Spielen im feinen Dünensand, dem Bau gewaltiger Sandburgen am Spülsaum oder neuen Erkundungen im schlickigen Watt.

Besondere Höhepunkte waren die Ausflüge hinüber nach Wyk. In den kleinen Schaufenstern der Inselgeschäfte gab es für uns Jungen unendlich viel zu staunen. Fünf D-Mark Taschengeld hatten wir von zu Hause mitbringen dürfen – eine stolze Summe in kleinen Händen, die von den Erzieherinnen verwahrt und nur für besondere Anlässe rationiert wurde. In Wyk durften wir uns von diesem eigenen Geld eine bunte Ansichtskarte und die passende Briefmarke aussuchen. Die Karten kosteten zwischen 10 und 20 Pfennig, die Briefmarke dazu 10 Pfennig. Ich kam mit insgesamt 25 Pfennig für den Gruß an meine Eltern hin.

An einem anderen Tag gab es ein ganz besonderes Schmankerl: Wir durften uns bei einem Eisverkäufer eine Kugel Eis im knusprigen Waffelhörnchen kaufen. Wie schon zu Hause in der Heimat überlegte ich nicht lange und wählte Schokolade. Damit alles seine Ordnung hatte und kein Pfennig verloren ging, führte die Erzieherin über all diese kleinen Ausgaben akribisch Buch in einem kleinen Schulheftchen, in dem neben jedem unserer Namen genau notiert wurde, wie viel vom mitgebrachten Vermögen noch übrig war.

Stunden im Haus zu verbringen war eine seltene Ausnahme, doch für das Schreiben der Postgrüße versammelten wir uns im großen Gemeinschaftsraum. Es war ein fast feierlicher Akt: Einmal in den ganzen sechs Wochen setzten wir uns an die Holztische, um ein Lebenszeichen an die Eltern in der Heimat zu schicken. Sorgfältig wurde die Briefmarke angefeuchtet und aufgeklebt. Bevor die Karten jedoch den Weg zum Postamt fanden, mussten wir sie einer Erzieherin vorlegen. Ihr ging es bei dieser Durchsicht nicht etwa wie den Lehrern in der Schule um rote Striche oder Rechtschreibfehler. Sie wachte streng über den Inhalt – Heimweh oder allzu kritische Worte über das Heimregiment sollten wohl nicht auf den Postweg gelangen.

Ich machte mir bei dieser Zensur keine großen Sorgen und fasste mich schlicht kurz. Mit akkuraten Buchstaben schrieb ich in die eine Hälfte der Postkarte:

„Liebe Mama, lieber Papa, ich bin gut angekommen, mir geht es gut, das Wetter ist schön. Viele Grüße Franz-Georg“

Auf die andere Seite, die Adresse meiner Eltern Addy und Franz, Rheinhausen, Eisenbahnsiedlung, Uerdinger Straße 59b.

Wie ich erst lange nach meiner Rückkehr erfuhr, war die Reaktion daheim zwiespältig gewesen. Auf der einen Seite waren meine Eltern natürlich erleichtert, von mir Positives zu lesen. Doch auf der anderen Seite hätten sie sich wohl etwas mehr Ausführlichkeit gewünscht, um am Inselleben ihres Jungen teilzuhaben. „Es hätte doch gar nicht mehr auf die Karte gepasst!“, lautete später meine absolut glaubhafte Erklärung daheim. Und überhaupt: Die Karte war trotz der strengen Kontrollblicke der Erzieherin anstandslos durchgegangen. Was hätte man an diesen treuherzigen Zeilen auch beanstanden sollen?

Der Weg der Nachrichten verlief natürlich nicht nur in eine Richtung. Umso größer war die Freude, wenn Post von den Eltern im Heim ankam und an uns verteilt wurde. Die Eltern waren vor der Kur ausdrücklich darum gebeten worden, keine Päckchen mit Süßigkeiten auf die Insel zu schicken – schließlich sollte das gehaltvolle Essen im Heim für die nötigen Kilos sorgen. Doch Regeln waren schon damals bei manchen dazu da, unterwandert zu werden: Eines Tages traf tatsächlich ein solches nicht gewünschtes Paket für einen Jungen aus unserer Gruppe der Mittleren ein. Die Erzieherinnen reagierten erstaunlich nachsichtig. Sie beschlagnahmten den süßen Inhalt keineswegs, sondern sorgten gerecht dafür, dass nicht nur der Empfänger, sondern wir alle etwas davon abbekamen. Die Freude in unserer Gruppe war riesengroß.

Auch ich durfte mich über einen Brief von zu Hause freuen. Neben den lieben Zeilen meiner Mutter enthielt er eine für mich ganz entscheidende Nachricht: Mein Vater Franz berichtete mir ausführlich über den aktuellen Stand beim Ausbau meiner Modelleisenbahn daheim. Mit jedem Satz spürte ich die Heimatnähe, und mein Vater versicherte mir glaubhaft, dass das Verlegen der Gleise und der Anlagenbau daheim prima Fortschritte machten. Mit diesen Bildern im Kopf erschien die Zeit bis zur Rückkehr gleich ein ganzes Stück kürzer.

An einem der Sonntage änderte sich die gewohnte Morgenroutine für einen Teil von uns. Nach dem Frühstück machten sich die katholischen Kinder auf den Weg zur Heiligen Messe. Für diesen feierlichen Anlass hatte ich mich besonders fein gemacht: Ich schlüpfte in meine anthrazitfarbene kurze Hose, die Onkel Willy extra für mich maßgeschneidert hatte, zog mein sonntagsweißes Hemd an und streifte die feine Jacke darüber.

Der Gottesdienst fand in einem kleinen, schlichten Gotteshaus statt – viel eher eine bescheidene Kapelle als die mächtigen Hallenkirchen, die ich von zu Hause gewohnt war. Die Bänke waren nur spärlich besetzt. Erst später erklärte man mir den Grund dafür: Ich befand mich hier in der Diaspora, fernab des katholisch geprägten Rheinlands.

Bis dahin war mir dieses sonderbare Wort nur aus den Sonntagsmessen in der Heimatvertrautheit der Eisenbahnsiedlung bekannt. Ich sah wieder Pastor Klümpen vor mir, wie er in St. Laurentius am Altar stand und mit getragener Stimme verkündete: „Wir sammeln heute für die Diaspora.“ Jahrelang hatte ich mich gefragt, was sich hinter diesem geheimnisvollen Begriff wohl verbergen mochte. Nun, auf dieser windumtosten Nordseeinsel, wusste ich es plötzlich ganz genau: Ich war mittendrin – und das für ganze sechs Wochen.

Doch auch die schönsten Wochen gingen einmal zu Ende. Unaufhaltsam rückte der Tag der Abreise näher – und mit ihm der Abschied von dieser wunderbaren, erlebnisreichen Inselwelt, die mir in den vergangenen Wochen so ans Herz gewachsen war.

Vor der Heimreise ging es noch ein allerletztes Mal hinüber nach Wyk. An der Geschäftszeile entlang der Promenade verbrachten wir ein paar kostbare Stunden. Die Schaufenster sprühten nur so vor verlockenden Souvenirs und maritimen Kostbarkeiten: Glänzende Muscheln, getrocknete Seesterne, zierliche Seepferdchen, kleine Holzboote, Seehunde aus Plastik und stolze Miniaturleuchttürme buhlten um unsere Aufmerksamkeit. Das Angebot war schier unendlich, die Preise allerdings auch. Der bescheidene Rest unseres Taschengeldguthabens setzte den Träumen klare Grenzen.

Nach reiflicher Überlegung entschied ich mich für einen kleinen Leuchtturm aus dünnem Blech. In sein Inneres konnte man ein Teelicht stellen; die aufsteigende Kerzenwärme trieb ein kleines Flügelrad an, sodass sich das Oberteil mit seinen bunt-transparenten Fenstern im Kreis drehte. Wenn es dunkel wurde, warf er ein friedliches, rotierendes Lichtspiel an die Wand – genau wie der große Leuchtturm drüben auf Amrum. Und die allerletzten Pfennige, die noch in der Hosentasche verblieben waren, investierte ich in ein kleines Seepferdchen. Ich war mir sicher, dass meine Mutter Addy sich riesig darüber freuen und zu Hause einen Ehrenplatz dafür finden würde.

An einem späten Nachmittag trat schließlich der Moment der Rückreise ein. Die Fähre legte langsam im Hafen von Wyk ab und schnitt durch das graublaue Wasser hinüber zum Festland. Die Erzieherinnen winkten uns lange nach. Wehmütig blickten wir zurück, wie die Silhouette der Insel im dunstigen Abendlicht immer kleiner wurde. In Dagebüll wartete bereits der Sonderzug der Bundesbahn mit einer V200 auf uns. Die Waggons füllten sich mit müden, aber erfüllten Kinderstimmen, ehe der Zug ruckelnd anfuhr und über Hamburg in Richtung Köln rollte.

Die Räder klapperten durch die dunkle Nacht im gleichmäßigen Takt der Schienen. Am frühen Morgen erreichte der Zug schließlich sein erstes großes Zwischenziel: den Hauptbahnhof Duisburg. Hier schlug mein Herz bis zum Hals. Dies war meine Station – genau hier sollten meine Eltern mich erwarten. So war es verabredet. Voller Vorfreude und Spannung drückte ich mir die Nase am Zugfenster platt, hoffend und bangend, ob auch wirklich alles klappen würde.

Und es klappte. Als die Türen aufgingen und ich auf den Bahnsteig trat, sah ich sie schon stehen. Überwältigt vor Erleichterung und Glück fiel ich meinen Eltern Addy und Franz in die Arme. Die Vertrautheit ihrer Umarmung nach der langen Zeit fernab der Heimat war ein unbeschreibliches Gefühl: Ich war wieder zu Hause.

Den ganzen Tag und den Abend über gab es für uns drei kein Halten mehr: Es gab so unendlich viel zu berichten, zu fragen und zu erzählen. Als ich am Abend schließlich wieder in meinem eigenen Bett lag, war an Schlaf erst einmal nicht zu denken. Nun hatte ich meinen eigenen Leuchtturm in meinem Zimmer nicht auf einer Insel, sondern auf meiner Modelleisenbahn stehen. Er war natürlich nicht ganz so riesig wie der echte drüben auf Amrum, eben klein und aus schlichtem Blech. Doch in Verbindung mit all meinen unvergesslichen Erinnerungen an das Haus Tanneck in Wyk auf Föhr war er für mich einfach unendlich schön. Nach sechs aufregenden Wochen auf der Insel fiel mir das Einschlafen zum ersten Mal schwer – nicht vor Wehmut, sondern vor lauter friedlicher Glückseligkeit.