Und dann war er da: der Tag meiner Ersten Heiligen Kommunion. Die Sonne lugte vorsichtig durch den Morgen, als hätte auch sie sich für diesen Anlass ein besonderes Gewand übergeworfen. In unserer Wohnung an der Uerdinger Straße lag vom ersten Augenblick an eine feierliche, fast prickelnde Unruhe in der Luft. Die Morgenwäsche fiel an diesem Sonntag ungleich gründlicher aus als sonst; das Seifenwasser schäumte eifrig, und der Kamm fuhr mit unerbittlicher Präzision durch mein frisch geschnittenes Haar. Der Scheitel saß messerscharf auf der Seite. Das kleine Spängchen, das mir in den allerersten Lebensjahren noch widerspenstige Haare aus dem Gesicht gehalten hatte, brauchte ich längst nicht mehr – ich war schließlich ein großer Junge geworden.
Das Frühstück fiel denkbar knapp aus. Es war weniger dem strengen Nüchternheitsgebot vor dem Kirchengang geschuldet als vielmehr dem Schmetterlingsschwarm, der mir leise flatternd im Magen saß. Schicht für Schicht streifte ich meine Festtagskleidung über: das makellos weiße Hemd, die kleine blaue Fliege, der dunkelblaue Anzug mit der eleganten kurzen Hose und schließlich die strahlend weißen Kniestrümpfe. Als ich in die glatt polierten, neuen Lederschuhe schlüpfte und einen prüfenden Blick in den Spiegel warf, stand fest: Ich war fein gemacht.
Schon bald begann das Haus zu leben. Nach und nach trudelte die Verwandtschaft ein, und mit jedem Klingen an der Haustür schrumpften unsere Räume ein Stückchen mehr zusammen. Es wurde eng, wunderbar eng. Die Großeltern drängten herein, meine Patentante Marianne samt „Anhang“ – wie man bei uns so schön zu sagen pflegte –, mein Patenonkel Willy mit Tante Trautchen und der damals noch kleinen Ursula, meiner Cousine, die erst vor Kurzem das Licht der Welt erblickte hatte und nur wackelig auf den Beinen stehen konnte. Auch Tante Gertrud aus Xanten ließ es sich nicht nehmen anzureisen, und wie immer verlässlich mittendrin standen Onkel Albert und Tante Käthe.
Eine wogende, von Stimmengewirr erfüllte Welle aus Herzlichkeit und Lebhaftigkeit ergoss sich über die Stube. Während die Erwachsenen Schultern klopften und Tante Käthe Wangen küsste – zu meinem Bedauern auch wieder meine –, wandelte sich mein Blick in den eines geschulten Detektivs: Völlig unauffällig, aber mit scharfem Auge suchte ich nach verpackten Päckchen, Bändern oder verräterischen Hinweisen für mitgebrachte Schätze.
Da trat Oma Anna an mich heran. Sie nahm mich sanft an die Seite, abseits des trubeligen Treibens, und drückte mir ein kleines, feines Päckchen in die Hand. Sie sah mich eindringlich an und sprach liebe, ganz persönliche Worte zu mir, die mir tief zu Herzen gingen. Obwohl die Zeit für den Kirchgang bereits bedrohlich knapp wurde, bat sie mich, es noch vor dem Verlassen der Wohnung aufzumachen. Folgsam zog ich am Geschenkband, wickelte das Papier ab – und hielt mein neues, mein erstes Gebetbuch in den Händen. Seine Seiten zierte ein edler Goldschnitt. Als ich es behutsam aufschlug, stieg mir dieser ganz besondere, unverwechselbare Duft in die Nase: eine Mischung aus feinem Leder, frischer Druckerschwärze und feierlicher Andacht. Es roch schlicht und ergreifend nach Gebetbuch. Ganz bedeutungs- und würdevoll schloss ich die Finger um den Einband.
Dann brachen wir alle gemeinsam auf. Ich schritt voran an der Spitze der kleinen Prozession – ein Bild des Stolzes, in der einen Hand die mächtige Kommunionkerze, in der anderen fest mein neues Gebetbuch umklammert. Stufe für Stufe ging es das Treppenhaus hinab; nur nicht stolpern, mahnte eine innere Stimme, nur nicht auf den letzten Metern den Festtagsanzug ruinieren! Wir traten hinaus auf die Straße. An den wachenden Mauern von St. Laurentius vorbei lenkten wir unsere Schritte zunächst hinüber zur Schule, wo sich alle Kommunionkinder des Jahrgangs sammeln sollten. Die Erwachsenen machten sich auf direktem Weg zur Kirche auf, um sich die begehrten Plätze hinter den für uns freigehaltenen vorderen Bankreihen zu sichern.
Im Schulgebäude empfing uns Pastor Klümpen in seinem kostbaren, feierlichen Gewand. Frau Schmitz von der ersten und zweiten Klasse wuselte mit aufmerksamem Blick umher, Herr Guniard, unser neuer Lehrer, war da – schließlich gehörten wir nun schon zu den Großen der dritten Klasse. Mittendrin bewegten sich die vielen Messdiener in ihren leuchtend roten Gewändern wie festliche Farbtupfer durch die Flure.
Als das Glockengeläut über der Siedlung ansetzte, setzte sich unser Zug in Bewegung. Es war nur ein kurzer Weg von der Schule zur Kirche, doch jeder Schritt fühlte sich bedeutungsvoll an. Wir stiegen die steinernen Stufen hinauf, schritten durch das mächtige Hauptportal und wurden im Kirchenschiff von den festlichen, im Raum jubelnden Orgelklängen empfangen. Voran schritt der Kaplan, der rhythmisch den Weihrauchkessel schwenkte. Feine, bläuliche Rauchwolken stiegen auf und verteilten sich langsam im Raum, während der geheimnisvoll-harzige Duft die festliche Stille der Kirche erfüllte. Langsam schritten wir durch den Mittelgang. Links und rechts von uns wandten sich die Köpfe der Eltern, Verwandten und Nachbarn voller Stolz und Rührung nach uns um. Der Pastor, der Kaplan und die Schar der Messdiener traten bis an die Stufen des Altars, ehe wir Kommunionkinder in den vordersten Bänken Aufstellung und Platz nahmen.
Und dann begann sie: die Messe der Ersten Heiligen Kommunion 1961 in St. Laurentius.
Alles, was wir über lange Wochen hinweg im Unterricht geduldig eingeübt und gepaukt hatten, lief nun ab wie ein wohlkomponiertes Uhrwerk. Wir sangen, knieten, standen auf und antworteten verlässlich auf die Worte des Pfarrers. Doch unter der feierlichen Oberfläche brannte in jedem von uns Kindern derselbe Moment der größten Erwartung entgegen: der Augenblick der ersten Kommunion im wahrsten Sinne des Wortes.
Als die Bänke sich leerten und ich schließlich am Altar stand, trat Pastor Klümpen vor mich. Er sprach die vertrauten Worte und legte mir vorsichtig den Leib Christi, die blasse Hostie, auf die Zunge. Ich schloss den Mund, faltete die Hände und schritt mit gesenktem Blick zurück zu meiner Bank. Innerlich horchte ich ganz tief in mich hinein – doch da war: nicht viel. Es schmeckte nach nahezu nichts. Ich fühlte mich weder schlagartig stärker noch leichter oder besser, aber eben auch nicht schlechter. Das war es also, dachte ich bei mir. Dennoch verfehlte der Zauber der Heiligkeit seine Wirkung nicht. Ich war auf eine ganz eigenartige, stille Weise tief beeindruckt. Und mit diesem eigentümlichen Gefühl im Herzen schritt ich durch die verbleibende Liturgie und hinein in den weiteren Tag.
Der heiligste Teil des Festes lag nun hinter mir – und damit war der Kopf frei, um sich voll und ganz auf den restlichen, für mich keineswegs unbedeutenden Teil des Tages zu konzentrieren: die Geschenke, bevor es um 15:00 Uhr noch in die Andacht gehen sollte.
Zuhause angekommen, entpuppte sich die Zeit bis zum Mittagessen als ein einziges Auspackabenteuer. Da war die wunderbare Junghans-Armbanduhr von meiner Patentante Marianne, die mich wie einen erwachsenen Mann fühlen ließ, das blitzende goldene Kreuzchen, ein zierliches Weihwassertöpfchen für die Wand und die ersehnten Rollschuhe, mit denen ich gedanklich schon über die Gehwege sauste. Wann immer es an der Haustür schellte, sprang ich auf und öffnete die Tür. Nachbarn, Bekannte und Freunde der Familie kamen, um ihre Glückwünsche zu überbringen. Sie reichten mir Bücher, Spiele oder Glückwunschkarten, aus denen nicht selten der eine oder andere grüne oder blaue Geldschein lugte.
Je länger der Tag dauerte, desto fester verankerte sich ein wohliges Gefühl in mir: Ich war in unserer Eisenbahnsiedlung nicht nur bestens bekannt, sondern offensichtlich auch recht beliebt. Na also, dachte ich schmunzelnd im Stillen, so schlimm kann es mit meinen Sünden nicht bestellt sein – genau wie ich es mir bei der Beichte schon gedacht hatte!
Es war ein rundum schöner, warmer Tag. Ich fühlte spürbar, wie ich an diesem Sonntag ein Stückchen gewachsen war – vielleicht sogar ein kleines bisschen vernünftiger. Erst spät am Abend konnte ich müde, aber überglücklich ins Bett schlüpfen, obwohl mir am nächsten Tag noch ein ereignisreicher, schulfreier Kommunionmontag bevorstand, an dem sich die Nachbarn und der Herr Pastor zum Kaffeebesuch angekündigt hatten.
Diesen Besuch überstand ich glücklicherweise ohne größere Blessuren. Da musste ich wohl oder übel durch, obwohl ich unendlich viel lieber draußen meine neuen Rollschuhe ausgiebig eingefahren hätte und mit meinen Freunden beim Spielen gewesen wäre – aber die Armen hatten ja am selben Nachmittag mit exakt demselben Schicksal zu kämpfen.