Der Sommer als ich groß wurde

Als die drückende Pflicht der Höflichkeitsbesuche überstanden war und es am nächsten Tag endlich wieder in die Schule ging, hatten wir uns dementsprechend viel zu erzählen. Wir überhäuften Herrn Guniard mit unseren Erlebnissen und Geschenke-Bilanzen, doch das eigentliche Spektakel spielte sich in den Pausen auf dem Schulhof ab. In kleinen, eifrig tuschelnden Grüppchen wurden Geschichten ausgetauscht, Geldbeträge wie an der Börse zugerufen und Vergleiche gezogen.

In jenen Frühlingswochen machte sich die Frömmigkeit jedoch nicht nur im Klassenzimmer oder in den Kirchenbänken bemerkbar. Der Monat Mai gehörte ganz der Gottesmutter, und wir Kinder hatten zu Hause voller Eifer unsere eigenen kleinen Maialtäre zu Ehren Marias aufgebaut. Ob auf dem Nachtkonsölchen direkt neben dem Bett, auf einer kommodenartigen Anrichte oder gut sichtbar in einem Regal – der Altar stand stets dort, wo er unmöglich zu übersehen war. Denn wir waren unglaublich stolz auf dieses Werk: Ein kleines Marienbild – manchmal schlicht ein feines Papierbildchen aus einem Gebetbuch –, eine sanft flackernde Kerze, ein sauberes Deckchen oder eine hübsch gefaltete Serviette bildeten das Fundament. Dazu kam ein kleines Glas aus dem Wohnzimmerschrank, täglich neu gefüllt mit frischen Gräsern und zarten Wiesenblumen, die wir eifrig am Feldrand oder drüben in den Rheinwiesen gepflückt hatten. So hatten wir Kinder mitten in unseren Kinderzimmern, wo sonst das Spielzeug das Sagen hatte, eine winzige Kapelle geschaffen.

Kaplan Bayard nutzte die günstige Gelegenheit dieser religiös geprägten Grundstimmung sogleich in seinem Religionsunterricht, um mit geschickter Begeisterung neue Messdiener zu werben. Die Mädchen waren dabei natürlich völlig außen vor; die eine oder andere – wenn auch längst nicht alle – blickte mit einem leicht neidischen Seitenblick auf uns hinüber. Für uns Jungs fühlte es sich an, als hätten wir im Handumdrehen eine weitere, bedeutende Stufe gesellschaftlicher Anerkennung und des echten Großwerdens erklommen: Zum ersten Mal schlich sich das unbeschreibliche Gefühl ein, ernsthaft für Aufgaben des gemeinschaftlichen Lebens in der Eisenbahnsiedlung gefragt zu sein.

Einmal in der Woche kamen all diejenigen von uns, die sich hatten einfangen lassen, in der Kirche St. Laurentius zusammen: Messdienertreff. Zu meinem großen Erstaunen ging es dort keineswegs nur um das strenge, steife Dienen in der heiligen Messe. Wir sangen fröhliche Lieder, spielten ausgelassen Gesellschaftsspiele und bildeten rasch eine eingeschworene kleine Truppe, die wie Pfadfinder den Nachmittag zusammen mit den älteren Jungen verbrachte.

Zu dem allerersten Treffen hatte der Kaplan direkt in die Kirche St. Laurentius eingeladen. Erwartungsvoll und voller Neugier saßen wir Jungs in der allerersten Bankreihe. Der Kaplan stand vor uns, begrüßte uns herzlich und strahlte übers ganze Gesicht, weil sein Werben um den Nachwuchs so überaus erfolgreich gewesen war. Zum Dank überreichte er jedem von uns einen kleinen roten Messdiener-Kalender, damit bloß niemand den Termin vergaß, an dem er zur Messe eingeteilt war, und eine Tafel Sarotti-Schokolade. Auf der Verpackung prangte die kleine Figur in Pluderhose, Turban und spitzen Pantoffeln mit dem Tablett in der Hand – der „Sarotti-Mohr“, wie wir ihn damals ganz unbefangen nannten, ein Bild, das mich bis heute im Geiste augenblicklich an das Märchen vom Kleinen Muck erinnert. Es war eine köstliche Belohnung, deren Geschmack auf meiner Zunge nun schon deutlich besser war als der der geschmacklosen Hostie am Sonntag zuvor, und die ich mir ab da besonders gerne und bedächtig zergehen ließ.

In den folgenden Wochen lernten wir gewissenhaft all die lateinischen Texte, die wir während einer Messe zu sprechen hatten, allen voran das Stufengebet. Ich verstand nicht viel, genau gesagt: nichts. Wir drillten uns ein, zur rechten Zeit die Knie zu beugen, uns ehrerbietig zu verbeugen, die Hände zu falten, zur rechten Zeit zu schellen und das finale „Amen“ auf den Punkt zu sprechen. Wir übten das Anreichen für den Pfarrer: die goldene Schale mit den Hostien und den glänzenden Kelch.

Und dann war es schneller als gedacht so weit: Mein allererster Dienst stand an, den ich gemeinsam mit einem der älteren Messdiener bestreiten sollte. Ich war reichlich nervös, das Herz klopfte mir bis zum Hals. Doch jetzt gehörte ich endgültig zu denen, die nach dem ersten Läuten der Glocken sonntags stolz durch die schwere Tür an der hinteren Kirchenseite in die Sakristei gingen.

Draußen fuhr punktgenau Kaplan Bayard mit seinem Opel Rekord „L“ – einem 1,7-Liter mit satten 60 PS – aus Rheinhausen vor. Er stellte sein glänzendes Gefährt an der Breitenbachallee ab, direkt gegenüber seiner Kirche unter den hohen, schattenspendenden Kastanien. Ich kam aus dem Staunen kaum heraus: Was man sich als Pfarrer doch alles leisten konnte! In unserer Eisenbahnsiedlung besaß schließlich kaum jemand ein eigenes Auto; die meisten bewegten sich bescheiden zu Fuß, mit dem Fahrrad oder bestenfalls mit dem Bus fort. Selbst Pastor Klümpen begnügte sich mit einem einfachen, mausgrauen VW-Käfer Standard. Doch der Kaplan brauste im schicken Opel an, stieg aus und kam zügigen Schrittes in die Sakristei. Ein freundliches „Guten Morgen!“ hallte durch den Raum. Während er sein feierliches Ornat anzog, schlüpften wir Messdiener in unser langes, leuchtend rotes Gewand mit dem weißen Spitzenhemd darüber.

Und dann, pünktlich zur vollen Stunde, schlug das Herz bis zum Anschlag: Wir Messdiener vorweg, dahinter der Kaplan in aller Würde. Ich trat an die Türe, öffnete sie von der Sakristei hinein in den erhabenen Kirchenraum, und wir gingen los. Mit dem allerersten Schritt auf dem kühlen Steinboden griff meine Hand nach dem Seil, an dem die kleine, goldene Wandglocke hing – neben dem ewigen Licht einer brennenden Wachskerze in einem roten Glas. Ein kurzer, hell schallender Glockenschlag erfüllte das Schiff – und im selben Augenblick setzte oben von der Empore die Orgel ein, mächtig gefolgt vom vielstimmigen Gesang der gesamten Gemeinde. Dass an dem in die Jahre gekommenen Instrument ab und zu eine Taste klemmte, die mit einem dumpfen Schlag des Organisten gelöst wurde und aus der schon mal ein falscher Ton aus einer Pfeife entwich, störte niemanden; es gehörte schlicht zum vertrauten Klang unserer Kirche.

Ehe wir uns versahen, wich der Frühling dem Frühsommer, und mit dem Juni hielt der nächste große Höhepunkt im Kirchenjahr Einzug. Fronleichnam stand vor der Tür – das Fest, das den Glauben aus den kühlen Kirchenmauern mitten ins Herz unserer Siedlung trug.

Vor der Kirche St. Laurentius hatten sich die Gläubigen der ganzen Nachbarschaft versammelt und zu einem festlichen Zug geformt. An der Spitze der Prozession schritt Pastor Klümpen im kostbaren, edel verzierten Ornat. In seinen erhobenen Händen trug er voller Ehrfurcht das Allerheiligste in der glänzenden Monstranz, geschützt unter einem schweren Baldachin. Die vier Holzstangen des Tragehimmels wurden von vier Männern der Gemeinde mit stolzer Haltung und festen Händen getragen. Direkt dahinter folgte Kaplan Bayard, der mit weitem Schwung den Weihrauchkessel schwenkte. Der harzige, schwere Duft machte sich rasch in der Sommerluft breit und hüllte den Zug in feine Schleier. Dahinter schritt die Schar der übrigen Messdiener, und ihnen folgten stolz die Kommunionkinder: Die Mädchen in ihren strahlend weißen Kleidern und den glänzend schwarzen Lackschuhen, die Jungen in ihren blauen Anzügen mit den kurzen Hosen – alle fest die neuen Gebetbücher in den Händen haltend. Den Abschluss bildete eine schier endlose Schlange andächtig betender Gläubiger.

Die Prozession zog langsam und würdevoll durch die Straßen unserer Siedlung. Unser Weg führte von Station zu Station, hin zu den Altären, die Tage zuvor von den Nachbarn mit Hingabe aufgebaut worden waren. Vor ihnen lagen prächtige Teppiche aus frischen Blumenblüten, Gräsern, Blättern, die fleißige Hände in aller Frühe ausgelegt hatten – echte kleine Kunstwerke aus Farben und Mustern, die den grauen Asphalt für wenige Stunden in ein blühendes Band der Gemeinschaft verwandelten.

Schaut man sich heute an demselben Juni-Donnerstag auf unseren Straßen um, sucht man diese bunten Blütenteppiche vergeblich. Von den Altären vor den Häusern, dem leisen Murmeln der Gebete und dem stolzen Gemeinschaftsgeist der Prozessionen will die moderne Gesellschaft heute immer weniger wissen. Wo einst ehrfürchtiges Innehalten und kunstvolles Handwerk ein fester Orientierungspunkt im Jahr waren, herrscht heute zur Schau getragene Ignoranz oder genervtes Hupen, weil eine Straßensperrung den hektischen Terminkalender durchkreuzt. Unsere Kultur und die einst so unumstößlichen Werte verwehen leise im Wind, davongeblasen vom rastlosen Sturm einer Zeit, in der Menschen vor allem mit sich selbst beschäftigt sind, sich öffentlich zelebrieren und für Innehalten keine Verwendung mehr haben. Man geht heute schließlich für alles Mögliche auf die Straße – nur kaum noch, um gemeinsam Haltung, Glauben und Tradition zu zeigen.

Doch im Sommer 1961 ahnten wir Jungs in unseren leuchtend roten Gewändern noch nichts vom kühlen Atem des gesellschaftlichen Wandels. Für uns zählte nur der Augenblick.