Der Alltag zog dahin wie die trägen Sommerwolken am weiten Himmel über Hohenbudberg. Er spielte sich vor der niemals ganz ruhenden, lärmenden Kulisse des Verschiebebahnhofs ab, wo das metallische Kreischen der Rangierbremsen und das dumpfe Poltern der Puffer den vertrauten Takt unseres Lebens angaben, umspielt von den wechselnden Gerüchen der uns umschließenden Industrieanlagen.
Durch all diese Tage, Wochen und Monate wob sich das vielschichtige Band unseres alltäglichen Lebens. Mein Vater Franz ging mit gewohnter Pünktlichkeit und großem Pflichtbewusstsein seinem Dienst auf der Dampflok nach, während meine Mutter Addy daheim umsichtig den Haushalt führte und sich mit wechselnden kleinen Arbeiten ein paar Groschen dazuverdiente. Ich selbst bemühte mich redlich, brav und in der Schule ein fleißiger und guter Schüler zu sein – ohne dabei jedoch auch nur eine einzige Minute das kostbare Leben eines Kindes zu vergessen, das da draußen mit all seinen Abenteuern, Entdeckungen und treuen Freunden auf mich wartete.
So flossen die Tage dahin, bei strahlendem Sonnenschein, prasselndem Regen und peitschendem Herbstwind. Und mit der Zeit wuchs nicht nur ich, auch unsere Eisenbahnsiedlung veränderte ihr Gesicht. Überall um uns herum wurden tiefe Baugruben ausgehoben, schwere Fundamente gegossen und Wände hochgemauert. Neue Mehrfamilienhäuser entstanden, die mit ihren deutlich größeren Fenstern und sonnigen Balkonen moderner wirkten als die alten Bauten.
Für unsere noch kleine Familie weckte dieser stetige Wandel einen ganz besonderen Wunsch: den Wunsch nach einer größeren Wohnung. Nach vier Wänden, in denen auch für mich endlich ein eigenes Kinderzimmer Platz finden würde – eine sogenannte 2½-Zimmer-Wohnung mit Küche, Diele und Bad.
Und wir hatten das große Glück auf unserer Seite: Uerdinger Straße 59b hieß unsere neue Adresse. Ein schmuckes, zweigeschossiges Haus, in dem wir im ersten Stock auf der rechten Seite einzogen. Direkt unter uns, im Parterre, richtete Dr. Rainer Nedden seine neue Praxis ein – der verlässliche Hausarzt der gesamten Siedlung, der seine Patienten bis dahin in den Räumen der Übernachtung an der Henschelstraße empfangen hatte. Wie oft war ich bei ihm gewesen, wenn meine Bronchien wieder einmal rasselten und nur noch geduldiges Inhalieren und die wohltuende Wärme der Höhensonne halfen – diese Höhensonne, eine mannsgroße Röhre, die über mir schwebte wie ein geheimnisvolles, leise summendes Raumschiff, wenn ich auf einer Lederliege lag und meine Augen hinter schützenden Gläsern schloss. Dass dieser Retter in der Not nun direkt unter unseren Füßen wohnen und arbeiten sollte – nebenan lagen auch seine privaten Wohnräume –, gab uns ein ganz neues Gefühl von Sicherheit. Über uns, in der gemütlichen Dachgeschosswohnung, zog Stellwerkmeister Peter mit seiner Frau und der Tochter Otti ein, während auf unserer Etage gegenüber eine Familie mit zwei bereits fast erwachsenen Kindern zu Hause war.
Der Umzug selbst wurde zu einem Gemeinschaftswerk, getragen von der Hilfsbereitschaft vieler Freunde und Bekannter meiner Eltern. Vater hatte sich für diesen Tag von einem ortsansässigen Schreiner eine mächtige, einachsige Holzkarre geliehen. Stück für Stück wurden all unsere Habseligkeiten auf diese robuste Karre geladen und dann ein paar hundert Meter weiter über die damals noch wenig befahrene Fahrbahn der Uerdinger Straße gerollt. Die großen Teile der schweren Betten, der Schränke, die klappernden Küchengeräte, die sorgsam gepackten Kartons und Körbe – und mittendrin unsere wertvolle Musiktruhe, die Vater behutsam in dicke Wolldecken gehüllt hatte, um jedes Politurkratzerchen zu vermeiden. Auch meine Modelleisenbahn reiste wohlbehütet in ihren Kartons mit. Ich selbst wachte über meine wenigen übrigen Spielsachen und trug sie wie Schätze hinüber.
Mit vereinten Kräften stand schließlich alles an seinem richtigen Platz. Und dann machte ich die Tür zu meinem neuen, ganz eigenen Reich auf.
Ich hatte ein richtiges großes Bett, einen kleinen Schrank für meine Sachen und an der Stirnseite des Hauses ein großes Fenster, das direkt über dem Eingang der Arztpraxis von Dr. Nedden lag. Ich musste mich nicht einmal auf die Zehenspitzen stellen, um hinauszuschauen – mein Blick wanderte mühelos weit über die Uerdinger Straße, Ecke Martinistraße, bis hinüber in Richtung Uerdingen. Von dort konnte ich meinen Vater Franz von der Arbeit kommen sehen. Von den Fenstern auf der Rückseite unserer Wohnung und vom Balkon aus blickten wir über eine gepflegte Grünanlage direkt auf das kleine Kirchenschiff und den aufragenden Turm von St. Laurentius. Die Schläge ihrer hellen Glocke erinnerten uns Tag für Tag verlässlich daran, dass sie da war und über unsere Siedlung wachte.
Und dieses Läuten der Glocke sollte mich bald, am Weißen Sonntag 1961, drei Tage nach meinem Geburtstag, genau eine Woche nach dem Osterfest, zu einem ganz besonderen Anlass in die Kirche rufen: zu meiner Ersten Heiligen Kommunion.
So standen die ersten Wochen des neuen Jahres vollkommen im Zeichen der Vorbereitung auf dieses große Ereignis. Die Erwachsenen stürzten sich mit eifrigen Gedanken und unermüdlicher Tatkraft in all jene Vorkehrungen, die sie für unerlässlich hielten. Es lag fast ein leiser Hauch von olympischem Wettbewerb in der Luft der Siedlung: Wer würde das schönste Fest auf die Beine stellen? Welcher Kommunionanzug saß am feinsten, kurze oder lange Hose, und welches strahlend weiße Kleidchen durfte es bei den Mädchen sein? Wer wurde alles eingeladen, und wer durfte mit in die Kirche ziehen? Was sollte aufgetischt werden, und wie passten bloß all die Verwandten in die Wohnung? Wo sollten Tische und Stühle, Geschirr, Besteck, Gläser ausgeliehen werden? Wann wurden die Nachbarn auf ein Gläschen eingeladen, und um wie viel Uhr würde der Herr Pfarrer kommen, um die geschenkten Devotionalien – das Gebetbuch, den Rosenkranz und das Kreuzchen – gebührend zu segnen? Es waren unzählige Fragen, die das eigentliche Geheimnis des Tages im Alltagstrubel beinahe ein wenig verblassen ließen.
Wir Kinder gingen in dieser Zeit der wohlmeinenden, engagierten Diskussionen und betriebsamen Vorbereitungen einmal in der Woche zum Kommunionunterricht. Dort erklärten uns Pastor Klümpen oder auch mal der Kaplan geduldig, worum es im Kern tatsächlich ging – eben nicht nur um das festliche Essen, den feinen Anzug, die Bänder am Kleid oder die vielen Geschenke. Er erzählte uns nicht mehr nur die vertrauten biblischen Geschichten, die wir schon aus dem Kindergarten kannten. Er machte uns behutsam mit den tiefen Geheimnissen des christlichen Glaubens, der Dreifaltigkeit, der Menschwerdung, dem letzten Abendmahl und der Auferstehung vertraut und führte uns Schritt für Schritt durch die Liturgie der katholischen Kirche. Wir lernten fleißig, sangen aus voller Brust die Kirchenlieder aus dem Gebetbuch und probten immer wieder den genauen Ablauf der feierlichen Messe.
Wir paukten die Zehn Gebote – und wurden schließlich zur ersten, anscheinend unvermeidlichen Beichte unserer Sünden vor dem großen Tag gebeten. Ich persönlich hielt dieses Unterfangen für meine Person ja für vollkommen übertrieben. Schließlich ehrte ich Vater und Mutter von Herzen, war jeden Sonntag treu in die Kirche gegangen, hatte nichts gestohlen und getötet hatte ich erst recht keinen, auch keinen Regenwurm. Für das Begehren fremder Frauen – wie es in den Geboten so gewichtig hieß – fühlte ich mich schlichtweg noch viel zu jung. Gut, vielleicht hatte ich hier und da mal eine kleine Notlüge aufgetischt, aber das war es dann auch schon gewesen.
Gebeichtet habe ich trotzdem brav. Und die auferlegte Buße musste ich anschließend, wie all die anderen Kinder auch, mit gesenktem Kopf in der hölzernen Kirchenbank abbeten: drei stumme, gewissenhafte „Gegrüßet seist du, Maria“.
So war die Seele schließlich rein gewaschen, die Schuhe auf Hochglanz poliert und der Anzug frisch aufgebügelt – der große Tag konnte kommen.