Mit jedem Monat, den ich älter wurde, schien sich auch die Welt um mich herum ein Stückchen weiter auszudehnen. War meine eigene kleine Welt bisher vor allem von unserer Wohnung, der Schule, der Kirche und dem hoch aufragenden Wasserturm begrenzt gewesen, lernte ich die Eisenbahnsiedlung nun nach und nach in all ihren Verästelungen kennen. Ich streifte durch Straßen, die mir zuvor fremd gewesen waren, und tauchte ein in das Leben meiner Schulkameraden, die dort zu Hause waren.
In der Roosstraße, gleich an der Ecke zur Martinistraße, wohnte Heinz zusammen mit seinen beiden Brüdern bei ihrer alleinerziehenden Mutter Alice – einem Haushalt voller Leben und Trubel. Nur ein paar Häuser weiter in derselben Straße wohnte Walter mit seinen Geschwistern und seinen Eltern, die in der Kirchengemeinde engagiert waren, sowie Marlene mit ihren jüngeren Schwestern. Und da war noch Angelika, meine Banknachbarin aus der Schule, die ebenfalls in der Roosstraße zu Hause war. In der Lothsfeldstraße besuchte ich Ralf, während der kleine Manfred mit seiner älteren Schwester in der Bogenstraße wohnte. Friedhelm hatte sein Zuhause direkt neben der Kirche in der Martinistraße, und Ulrike schlug ihre Wurzeln in der Henschelstraße. Sicherlich gab es da noch viele andere Spielgefährten, deren Namen mir im Laufe der vielen Jahre leider entglitten sind, doch das Gefühl von Gemeinschaft, das uns verbunden hatte, blieb für immer eingebrannt.
Die Bogenstraße war für die Bewohner der Eisenbahnsiedlung das pulsierende Herz. Hier reihte sich eine kleine Zeile vertrauter Geschäfte aneinander, die fast alles bot, was man zum Leben brauchte: das Lebensmittelgeschäft, das Postamt, der kleine Laden für Handarbeiten, den meine Mutter Addy regelmäßig aufsuchte, wenn sie mir wieder einen neuen Pullover stricken wollte, und die Metzgerei, in der Tante Hannelore hinter der Theke stand und uns Kindern immer eine frische Scheibe Wurst über das Glas reichte. Und natürlich der Kiosk – ein magischer Anziehungspunkt mit seinem schier unerschöpflichen Angebot an Tageszeitungen, bunten Zeitschriften, Tabakwaren und den verlockenden Süßigkeiten in den Glasbehältern.
Dennoch waren viele Bewohner der Siedlung zu großen Teilen engagierte, stolze Selbstversorger. Hinter den Siedlungshäusern erstreckten sich langgezogene Nutzgärten, aus denen die Mütter frisches Gemüse, Beeren und Kräuter für die Küche holten. Die Bewohner der Mehrfamilienhäuser, die von gepflegten Grünanlagen umgeben waren, hatten ihre eigenen Gartenparzellen in den Kleingartenanlagen, den Schrebergärten, die sich wie ein grüner Gürtel um unsere Siedlung legten. Manche dieser Parzellen lagen außerhalb der Siedlung direkt draußen am Rande der Bahngleise, geschützt von mannshohen, dicht gewachsenen Hecken, in denen sich im Frühjahr und Sommer eine geschäftige Vogelwelt tummelte und Vorbeigehende mit ihrem lieblichen Gesang grüßten.
Im Sommer verwandelten sich die nahe gelegenen Rheinwiesen in ein endloses Meer aus wilden Wiesenblumen. Wenn man die Nase tief in die berauschend duftenden Blütenkelche steckte, überlagerte dieser liebliche Süßgeruch für einen herrlichen Moment sogar den scharfen, chemischen Hauch der umliegenden Industrieanlagen. Hier breiteten wir Kinder oft unsere von zu Hause mitgebrachten Wolldecken aus. Wir machten uns lang darauf, blickten in den blauen Himmel und ließen uns die Sonne auf den Bauch scheinen, während die Feldhasen, Fasane und Rebhühner an uns vorbeiliefen. Überall summte und brummte es. Wir Kinder waren unermüdliche Entdecker: Wir sammelten Marienkäfer, jagten flinke Heuschrecken und fingen bunte Schmetterlinge. Vorsichtig bewahrten wir die kleinen Geschöpfe für kurze Zeit in mitgebrachten Glasbehältern auf, in deren Blechdeckel wir zuvor behutsam Löcher gestochen hatten. Damit sich die Winzlinge bei uns auch rundum wohlfühlten, betteten wir die Gläser sorgsam mit frischen Blättern und zarten Grashalmen aus.
Dann begann das große Staunen. Mit scharfen, neugierigen Kinderaugen untersuchten wir jeden einzelnen Schmetterlingsflügel, jede winzige Schuppe, jedes Beinchen und die facettenreichen Augen. Sobald das Rätsel der Natur genauestens ergründet war, schraubten wir die Deckel wieder ab und schenkten den kleinen Tierchen die Freiheit zurück.
Draußen gab es keine Langeweile. Wir bauten Höhlen, kletterten auf die höchsten Bäume – und fielen natürlich auch schon mal mit geschrammten Knien herunter. Wir bauten mit einfachsten Mitteln und Werkzeugen Baumbuden und richteten uns geheime Verstecke im dichten Gebüsch der Hecken ein. Die kuscheligen Decken dienten nicht nur als gemütliche Lagerplätze: Mit viel Geschick wurden sie zu kunstvollen Dachkonstruktionen umfunktioniert, indem wir sie über Stöcke, Äste oder Gebüsche spannten, um unseren Höhlen und Buden den letzten Schliff zu geben und uns vor der Sonne zu schützen. Im Hochsommer holten wir dicke Pappdeckel hervor und sausten auf dem ausgetrockneten, glatten Gras am Rheindamm hinunter, bis uns vom Holpern bei der Abfahrt der Kopf brummte. Und wenn der Winter Einzug hielt und die Siedlung unter einer weißen Decke begrub, ging es mit dem Schlitten den Deich hinab – oder wir zwängten uns zu mehreren auf einen riesigen, alten Traktorenschlauch, der uns jauchzend durch den Schnee trug.
Ein besonderer Anziehungspunkt war die Roos, ein alter, totgelegter Rheinarm. Im Sommer war sie ehrlich gesagt meist nur ein zähes, dunkles Schlammloch. Schon von Weitem schlug einem der schwere, eigentümliche Geruch entgegen – eine Mischung aus modrigem, stehendem Wasser, feuchtem Schlamm, einem Hauch von Verwesung und dem süßlich-scharfen Duft der frischen Kuhscheiße von den angrenzenden Weiden. Doch genau das war unsere Welt, und für uns barg dieser Ort unendliche Abenteuer. Wir bauten eifrig mit bloßen Händen Burgen, Kanäle und Staudämme in den Schlamm, suchten nach flachen, glatten Kieselsteinen und warfen sie im flachen Winkel über die Wasseroberfläche. Die Steine tanzten in eleganten Sprüngen übers Wasser, ehe sie schließlich glucksend versanken, während die auf den umliegenden Wiesen und im Wasser stehenden, schwarz-weißen Kühe uns dabei völlig unbeeindruckt beäugten.
Aufmerksam und geduldig beobachteten wir das Leben im trüben Wasser: Wir sahen Rotbarben durch den Schlamm flitzen, erspähten ganz selten sogar einen schlüpfrigen Aal und stießen ab und zu auch auf einen toten Fisch. Mit einem langen Stöckchen beförderten wir den Fund vorsichtig an Land, drehten ihn von allen Seiten um, untersuchten Kiemen und Schuppen mit der Neugier kleiner Forscher, ehe wir ihn mit einem gezielten Schubs wieder dem Element übergaben.
Wenn wir am späten Nachmittag schließlich den Heimweg antraten, trugen wir die Spuren unserer Taten stolz wie Trophäen an uns. Die Fingernägel waren tiefschwarz gerändert, Schlammspritzer reichten vom Kopf bis in die Haarspitzen und hinter die Ohren, und die Schuhe wogen schwer von all dem Matsch und der Kuhscheiße. Bei all den kühnen Abenteuern und dem Übermut in den Wiesen blieb auch schon mal eine Hose – ob nun kurz oder lang –, ein Hemd oder eine Jacke an einem widerspenstigen Ast oder einem scharfen Zaundraht hängen. Kleine Schrammen und Schürfwunden gehörten dabei wie selbstverständlich zum Tagesgeschäft.
So war die Eisenbahnsiedlung in jenen Jahren weit mehr als nur ein Ort zum Wohnen – sie war ein riesiger, lebendiger Spielplatz voller Freiheit, kleiner Geheimnisse und großer Entdeckungen, die uns Sommer wie Winter durch unser Aufwachsen begleiteten. Hier durften Kinder Kinder sein und waren es auch.