Harz und Posthornklang

Das kleine Bett hielt mich nach dem Aufwachen nicht lange fest. Draußen hatte das dörfliche Leben bereits hörbar begonnen: Das zufriedene Grunzen der Schweine, das Gackern der Hühner und das leise Klappern von Eimern drangen durch das offene Fenster. Mir reichte eine rasche Katzenwäsche an der Waschkombination auf der Kommode. Schnell schlüpfte ich in meine kurze Lederhose, das Hemd und die Sandalen, und schon rannte ich die knarrende Holztreppe hinunter ins Freie. Ich wollte vorsichtig erkunden, was draußen auf dem Hof, in den Ställen und Scheunen schon alles los war – und da gab es einiges zu entdecken, was mir als Kind aus der Eisenbahnsiedlung vollkommen fremd war!

Leider wurde diese erste spannende Entdeckungsreise viel zu früh durch den Ruf meiner Mutter unterbrochen: „Frühstück!“ Wir stärkten uns in der gemütlichen Gaststube an einem reich gedeckten Tisch. Dunkles Brot, duftende Wurst, würziger Käse – alles stammte aus eigener Herstellung des Hofes. Dazu gab es dampfenden Kaffee für die Großen und heißen Kakao mit frischer Milch von den Kühen des Hofs für uns Kinder. Ich hatte einen riesigen Appetit und schlang alles mit wahrer Wonne hinunter. Die Erwachsenen schmunzelten und sagten: „Das macht die Luftveränderung!“ Wobei ich für mich eher das Gefühl hatte, hier oben zum ersten Mal überhaupt richtige Luft zu spüren.

Wir brauchten keinen Animateur, keine elektronischen Spielzeuge – wir hatten uns, die Gastgeber und das wunderschöne Tal, und das reichte vollkommen. Ausgeschlafen und gut gestärkt ging es Tag für Tag durch saftige Wiesen und schattige Wälder, vorbei an plätschernden Bächen und über schmale Pfade hinauf auf die hoch gelegenen Almen. Ständig begleitet wurden unsere Schritte vom dumpfen, beruhigenden Tönen der Kuhglocken, dem gelegentlichen Läuten ferner Kirchtürme und dem vertrauten Dampfen der Zillertalbahn unten im Tal.

Auf einem der ersten gemeinsamen Wege suchte Vater Franz ein passendes Stück Holz und schnitzte mir daraus einen eigenen Wanderstock. Er verzierte die Rinde gekonnt mit kleinen Mustern, Ringen, Rauten und Herzen. Immer wenn wir bei einer Rast auf einer Holzbank oder einem moosigen Baumstumpf saßen, zeigte er mir geduldig, wie man mit einem scharfen Messer richtig umgeht, ohne sich oder andere zu verletzen. Wie so oft im Leben gab er mir auch hier handwerkliches Wissen mit auf den Weg – Dinge, die mir das Großwerden erleichtern sollten und es auch taten.

Auf die hofeigene Alm der Familie Troppmair führte uns der Junge, der bei unserer Ankunft so zurückhaltend in der Tür gestanden hatte. Seine Schwester Adelheid war bei ihrer Mutter geblieben. Er hatte sich schnell mit Manfred und mir angefreundet. Er hieß Andi und führte uns spielerisch hinauf. Ein steiler Fußweg schlängelte sich über blühende, duftende Bergwiesen, durch dichte Wälder, vorbei an alten Baumbeständen und mannshohem Farn nach oben.

Unterwegs blieb Andi stehen, blickte mich verschmitzt an und bot mir ein Stückchen Kaugummi an, wie er es nannte: „Kennst den?“ Ich nahm dankend die kleine, klebrige, gelbliche Masse in die Hand und steckte sie mir in den Mund – genau so, wie Andi es vormachte. Kauen konnte ich darauf zwar ganz gut, aber der Geschmack war völlig anders als der des süßen Kaugummis aus dem Tante-Emma-Laden in der Eisenbahnsiedlung. Es schmeckte harzig und herb, und ich verzog das Gesicht. „Magst den net?“, lachte Andi, der das Harz liebend gerne kaute. Es war gar kein gekaufter Kaugummi, sondern frisches Baumharz, das er direkt von den Fichtenstämmen am Wegesrand gekratzt hatte!

Oben angekommen, war der Blick von der Alm schlichtweg fantastisch. Genau hier standen um diese Jahreszeit auch die Kühe des Hofes, deren frische Milch morgens auf unserem Frühstückstisch gestanden hatte. Laimach, der Hof der Troppmairs – Andis Zuhause – und der Gasthof Hubertus sahen von hier oben aus wie eine winzige Modelllandschaft. Und tatsächlich: Dahinten, genau entlang der rauschenden Ziller, zuckelte dampfend und pfeifend wieder die kleine Zillertalbahn durchs Tal.

Wenn wir nicht gerade beim Wandern waren, durften Manfred und ich das Hofleben hautnah miterleben. Wir Kinder fuhren begeistert auf dem knallroten Steyr mit hinaus auf die saftigen Bergwiesen. Wir schauten fasziniert zu, wie das hohe Gras schweißtreibend von Hand mit der Sense geschnitten und zum Trocknen auf hölzerne Heureiter geschichtet wurde. Tage später, wenn die Sommersonne das Gras in duftendes Heu verwandelt hatte, halfen wir stolz mit, es hoch auf den Anhänger zu schichten und mit dem Traktor sicher in die Scheune einzufahren.

Eines der eindrucksvollsten Erlebnisse war es, wenn wir Tante Burgl vom Hof verabschiedeten: Sie setzte sich strahlend mit einem prall gefüllten Korb mitten in die hölzerne Transportkiste der Materialseilbahn. Uns Kindern stockte der Atem, doch Burgl winkte uns ganz unbeschwert zu, während die Kiste langsam an den Seilen emporgezogen wurde. Wir sahen ihr gebannt nach, wie sie höher und höher schwebte, immer kleiner wurde wie ein winziger Punkt am Hang, bis sie schließlich ganz oben auf der Alm unseren Blicken entschwand.

Wir wanderten in all den Tagen nach Hippach, nach Zell am Ziller und immer wieder entlang des Flusses. Wenn wir an kleinen Gebirgsbächen Rast machten, baute mein Vater mit mir aus Zweigen und Stöckchen kleine Wassermühlen, deren Räder sich rasend schnell in der klaren Strömung drehten. Wir sahen Tiere, die wir aus der Heimat überhaupt nicht kannten: Scheue Rehe, stolze Hirsche, Steinböcke und Gämsen, und hoch oben in den Felsen hörten wir das schrille Pfeifen der Murmeltiere und die Rufe der kreisenden Adler.

Mit der Zillertalbahn fuhren wir von Hippach nach Mayrhofen. Dort stand ich fasziniert an der Talstation der Penkenbahn und schaute den Gondeln nach, wie sie lautlos hoch im Berg schwebten und in den Wolken verschwanden, während andere wieder unten im Tal ankamen. Zu Fuß ging es für uns weiter bis nach Finkenberg und mit dem gelben Postbus samt seinem markanten Dreiklang-Posthorn über die steile, enge Schotterstraße hinein nach Ginzling. Eingekehrt sind wir auf diesen ausgedehnten Touren nie. Wir hatten immer genug Verpflegung im Rucksack dabei – wir waren stolze Selbstversorger. Doch ab und zu hielt Vater Franz inne, hob konzentriert seine Agfa Optima an das Auge und hielt einen dieser unvergesslichen Momente auf einem kostbaren Dia fest.

Fast jeden Tag waren wir in Laimach an einem urigen, kleinen Blockhaus vorbeigekommen. Es wirkte vollkommen unscheinbar, doch eine kleine Gedenktafel machte uns neugierig. Durch ihren Text und die späteren Erzählungen von Herrn Troppmair erschloss sich uns die ganz besondere Bedeutung dieses Ortes: Es war das Strasserhäusl aus dem Jahr 1714. Hier wuchsen im 19. Jahrhundert die Geschwister Strasser auf, die als fahrende Händler durch Deutschland reisten und auf den Märkten Tiroler Volkslieder sangen. Zur Weihnachtszeit 1831 stimmten sie in Leipzig erstmals ein Lied aus ihrer Heimat an: „Stille Nacht, Heilige Nacht“. Die Zuhörer waren so ergriffen, dass das Lied kurz darauf gedruckt wurde und von diesem einfachen Zillertaler Holzhaus aus seinen Siegeszug um die ganze Welt antrat. Auf einmal fühlte ich mich mitten im Sommer dem Weihnachtsfest und dem vertrauten, stillen Zauber, den ich von zu Hause kannte, ganz nah. Heute ist dieses historische Häuschen ein wunderschönes kleines Museum.

Die Ferien in Laimach bei Familie Troppmair waren viel zu schnell zu Ende. Mit reichlich Wehmut im Herzen traten wir nach zwei wunderschönen, unvergesslichen Wochen schließlich wieder die Heimreise an. Zuhause angekommen gab es unendlich viel zu erzählen. Nach ein paar Tagen trafen dann auch die zum Entwickeln eingeschickten Dias in der Eisenbahnsiedlung ein. Beim gemeinsamen Ansehen lebten die herrlichen Erinnerungen an das Zillertal sofort wieder auf – verbunden mit der leisen Hoffnung und Vorfreude, dass wir schon bald wieder dorthin zurückkehren sollten.