Nach all den unvergesslichen Sommermomenten und dem Duft der weiten Welt, die uns der Urlaub im Zillertal geschenkt hatte, kehrte der Alltag langsam wieder in die Eisenbahnsiedlung ein. Doch die Welt fühlte sich ein kleines Stück größer an als zuvor. Ich traf mich nun öfter mit Manfred und holte ihn an seinem Zuhause in der Henschelstraße zum Spielen ab. Wir verstanden uns blendend, was wohl auch an einer tief verwurzelten Gemeinsamkeit lag: Wie ich war auch Manfred von Herzen gern der Eisenbahn verfallen. Schließlich war sein Vater Helmuth genau wie mein Vater Lokführer bei der Bundesbahn – das schweißte uns Jungs von vornherein zusammen.
Natürlich besaß auch Manfred eine Modelleisenbahn, und meine Neugier war riesig, als er mir sein Reich zum ersten Mal zeigte. Die Holzplatte, auf der seine Anlage aufgebaut war, entsprach von den Ausmaßen her etwa der meinen. Doch als der erste Zug anrollte, traute ich meinen Augen kaum: Während auf meinem Schienenoval die Züge doch recht beschaulich ihre Runden drehten, erstreckte sich bei Manfred ein richtiges, ausgeklügeltes Schienennetz. Da gab es mehr Weichen, Ausweichgleise und Rangierwege, die einen viel abwechslungsreicheren Fahrbetrieb erlaubten als bei mir zu Hause. Entsprechend mehr Fahrzeuge wuselten über die Platte. Besonders beeindruckte mich ein dunkelroter, mehrteiliger Triebwagenzug – ein VT der Deutschen Bundesbahn –, der wie ein eleganter Pfeil über die Anlage schnurrte. Ich war maßlos fasziniert: Wie passte bloß so viel Eisenbahnwelt auf so wenig Raum?
Wieder zu Hause angekommen, löcherte ich meinen Vater und erzählte ihm staunend von Manfreds Wunderwerk. Mein Vater schmunzelte wissend und hatte des Rätsels Lösung sogleich parat: Manfred hatte keine Märklin-Bahn wie ich, die mit Wechselstrom im klassischen H0-Maßstab 1:87 fuhr. Er besaß eine Rokal-Bahn. Die lief mit Gleichstrom auf der Spur TT im Maßstab 1:120 – mit zierlicher 12-Millimeter-Spurweite und einem Mindestradius von gerade einmal 286 Millimetern. Das war das Geheimnis!
So lernte ich schon in jungen Jahren die heimlichen Glaubenskriege kennen, die unter den Modellbahnern jener Zeit ausgefochten wurden: Märklin auf H0-Wechselstrom gegen Trix-Express mit H0-Gleichstrom und eben Rokal auf der feinen TT-Spur. Jeder Vater – und konsequenterweise auch der junge Spross – war von „seinem“ System felsenfest überzeugt. Man hatte schlicht die einzig richtige Wahl getroffen. Jeder konnte stundenlang und voller Inbrunst über die unschlagbaren Vorteile des eigenen Systems referieren, ohne auch nur ein einziges Mal die Gegenseite zu überzeugen. Ich hörte mir das mit Staunen an, blieb aber meiner Märklin treu.
Für mich begann nun eine Zeit, in der ich das Jahr nicht mehr nur nach den vier gewöhnlichen Jahreszeiten erlebte, sondern nach dem ganz eigenen, wundersamen Rhythmus der Modelleisenbahn.
Der eigentliche Auftakt zu diesem Jahreskreislauf vollzog sich stets nach den großen Sommerferien, wenn der Frühherbst Einzug hielt. Dann lag auf einmal eine kleine, unscheinbare braune Postkarte im Briefkasten. Sie stammte vom Spielwarenhändler und zertifizierten Märklin-Vertreter Hembach in Rheinhausen an der Krefelder Straße.
Das Spielwarengeschäft Hembach war in jenen Jahrzehnten eine echte Institution in Rheinhausen und weit über die Stadtgrenzen hinaus bekannt. Schon das Geschäft selbst war für uns Kinder ein reines Schlaraffenland. Besonders in der Vorweihnachtszeit drückten wir uns an den liebevoll gestalteten Schaufenstern die Nasen platt, in denen ratternde Modelleisenbahnen, Modellflugzeuge, edle Puppen und unzählige Spielzeuge zum Staunen einluden. Das Sortiment umfasste neben klassischem Spielzeug die hochwertigen Modelleisenbahnen und das Zubehör aller namhaften Hersteller jener Tage – ob Märklin, Fleischmann, Trix oder Rokal TT. Hembach war damit nicht nur ein Fachgeschäft, sondern auch ein lebendiger Treffpunkt für Modellbahnfreunde jeden Alters. Hier traf man sich, informierte sich über Neuheiten, besorgte Ersatzteile oder fachsimpelte über Gleispläne. Das traditionsreiche Familienunternehmen blieb über viele Jahrzehnte hinweg ein Synonym für persönliche Beratung, Qualität und die unvergleichliche Atmosphäre eines echten Spielwarenladens.
Mit der braunen Postkarte von Hembach in der Hand durfte ich mir dort meinen kostenlosen Märklin-Katalog abholen. Von diesem Tag an bis zum Heiligen Abend wurde dieses Heft zum meistgelesenen Druckwerk meines Lebens. Es war die unerschöpfliche Quelle aller Wünsche und Pläne. Ich wälzte die Seiten, bis die Ecken abgegriffen waren, verglich Zugkombinationen und verfeinerte meine Wunschzettel, die kurz vor Weihnachten ihren Höhepunkt fanden. Und tatsächlich: Der Gabentisch hielt fast immer eine Erfüllung bereit. Mal lagen dort zwei funkelnde Weichen, mal eine Kreuzungsweiche, ein imposanter Kesselwagen, eine kraftvolle V200, der rote Schienenbus, ein eleganter blauer D-Zug-Wagen oder ein feingliedriges Formsignal.
So wuchs meine kleine Eisenbahnwelt von Weihnachten zu Weihnachten verlässlich an. Doch wenn die Tage wieder länger wurden und der Frühling Einzug hielt, wurde auch der Betrieb auf der Holzplatte nach und nach ruhiger, verhaltener und seltener. Rund um die Osterzeit stand das Schienennetz schließlich ganz still. Die Eisenbahn wurde feierlich abgebaut. Schienen, Loks, Waggons und Signale wurden behutsam in ihre bunten Kartons verpackt und sicher im trockenen Keller verstaut. Denn nun rief draußen das Leben. Uns zog es hinaus in die freie Natur, in die Rheinwiesen und auf die saftigen Felder, um dort die langen, warmen Sonnentage zu verbringen – bis der Spätsommer schließlich wieder leise verblühte, die braune Postkarte im Briefkasten lag und der magische Kreislauf von Neuem begann.
Wenn ich heute an diese Zeit zurückdenke, schleicht sich auch eine leise Wehmut ein. Wie so viele traditionsreiche Spielwarenfachgeschäfte geriet auch Hembach Jahre später zunehmend unter wirtschaftlichen Druck. Das veränderte Kaufverhalten, die wachsende Konkurrenz großer Fachmärkte und schließlich der flächendeckende Internethandel führten dazu, dass immer weniger Menschen den Weg in die Fachgeschäfte fanden. Irgendwann war der Betrieb nicht mehr möglich, und Hembach musste nach vielen Jahrzehnten für immer seine Türen schließen.
Mit dieser Schließung ist weit mehr als nur ein Geschäft aus dem Stadtbild gewichen. Verloren ging ein ganz besonderer Ort, an dem Kinder träumen, staunen und die Welt entdecken konnten – heute allzu oft ersetzt durch anonyme Versandkartons, Preisvergleichsportale und den schnellen Klick im Internet. Was damals persönliche Beratung, leuchtende Kinderaugen, Begeisterung und gelebte Gemeinschaft war, ist heute vielfach der nackten Jagd nach dem billigsten Preis gewichen. Der wirtschaftliche Erfolg der neuen Zeit wurde mit dem Verlust eines Stücks Heimat und einer unwiederbringlich Einkaufskultur bezahlt. Doch in meinen Erinnerungen lebt der Zauber von Hembach, der Duft nach frischen Märklin-Katalogen und das Staunen mit meinen Eltern Addy und Franz vor den leuchtenden Schaufenstern für immer weiter.