Neueste Erzählung

  • Auf eisernen Rollen ins Glück

    Meine Erstkommunion am Weißen Sonntag 1961 hatte mir nicht nur den feierlichen Segen und unvergessliche Augenblicke im Kreise der Familie beschert, sondern auch einen Schatz, der mein Herz höherschlagen ließ: echte Rollschuhe. Es waren massive Konstruktionen aus glänzendem Metall mit harten Eisenrädern, die man mit verstellbaren Lederriemen und kleinen Spannschlüsseln direkt unter den festen Straßenschuhen festschraubte. Bei der allerersten Gelegenheit hielt mich nichts mehr im Haus. Die Sehnsucht, dieses neue Wunderwerk der Mechanik einzuweihen, war einfach zu groß.

    Doch die Realität sah erst einmal ganz anders aus als meine kühnen Träume von rasanten Fahrten. Das Unternehmen begann im Sitzen auf dem Bordstein. Mit konzentriertem Blick und feuchten Händen zog ich die Riemen stramm, drehte die Seitenteile fest an die Schuhsohlen und spürte, wie sich das kalte Metall mit meinen Lederschuhen verband. Der kleine, blinkende Rollschuhschlüssel war dabei unser heiligstes Werkzeug. Damit er in der Hektik des Spiels bloß nicht verloren ging, trug ihn jeder von uns ganz selbstverständlich an einem Stück robuster Paketschnur wie einen wertvollen Talisman um den Hals. Dann kam die Stunde der Wahrheit – und schon das bloße Aufstehen erwies sich als eine Disziplin für sich.

    Kaum versuchte ich mich aufzurichten, schossen die tückischen Metallrollen nach vorne weg. Die Füße wollten in völlig unterschiedliche Richtungen, und die Welt geriet augenblicklich aus dem Gleichgewicht. Zum Glück war mein Vater Franz an meiner Seite. Mit seinen starken, vertrauten Händen griff er nach meinen Armen. Ich hielt mich eisern an ihm fest, während er mit geduldiger Kraft ein wenig nachhalf und mich langsam auf die Beine zog.

    Da stand ich nun zum allerersten Mal auf meinen Rollschuhen. Wackelig, unsicher, die Knie leicht gebeugt und mit rudernden Armen, um dem drohenden Sturz im letzten Bruchteil einer Sekunde zu entgehen. Jede kleine Bodenwelle auf der Straße fühlte sich an wie ein Hindernis, jeder Schritt wie ein Tanz auf dem Hochseil. Mein Vater zog mich ein paar vorsichtige Meter hinter sich her, fing mich auf, wenn die Eisenräder wieder unkontrolliert zur Seite ausbrachen, und sprach mir gut zu. Es kostete etliche Versuche, unzählige Schweißperlen und eine gehörige Portion Ausdauer, bis die Beine gehorchten und ich schließlich schaffte, was mir eben noch unmöglich schien: ganz allein, frei und ohne fremde Hilfe auf den Rollen zu stehen.

    Mit jedem Tag wuchs die Sicherheit. Aus den vorsichtigen ersten Schritten wurde bald ein flüssiges Fahren, und wenig später hielt mich nichts mehr allein auf den Gehwegen. Ich traf mich mit meinen Freunden, und gemeinsam eroberten wir auf unseren ratternden Eisenrädern die Straßen der Siedlung. Wir rollten über Bürgersteige und Fahrbahnen – immer auf der Suche nach dem perfekten, möglichst glatten Untergrund.

    Schutzkleidung, so wie man sie heute ganz selbstverständlich trägt, kannten wir damals nicht. Es gab keine Helme, keine Handschuhe und erst recht keine gepolsterten Protektoren für Ellenbogen oder Knie. Wir trugen unsere normale Alltagskleidung: kurze Hosen, einfache Hemden, hochgezogene Kniestrümpfe und – wie man sagte – feste Schuhe. Wenn das Wetter kühler wurde, streiften wir uns einen Pullover oder eine Jacke über.

    Stürze blieben da natürlich nicht aus. Wenn die kleinen Eisenräder an einer Kante hängen blieben, landeten wir meist ungebremst auf den Knien, die in dieser Zeit bei allen Jungen ganz schön litten. Dichte, dunkle Blutkrusten und ausgefranste Pflaster gehörten damals wie von selbst zum gewohnten Bild eines Straßenjungen. Sie wurden keineswegs als Tragödie gesehen, sondern stolz wie kleine Trophäen getragen – und hielten uns nicht im Entferntesten vom Weiterfahren ab.

    Unser absolutes Paradies war die Heynenstraße. Sie besaß eine feine, ebene Bitumendecke, auf der die Metallrollen wunderbar leise und schnell dahinglitten. Wie alle Straßen in der Eisenbahnsiedlung war auch die Heynenstraße damals kaum befahren. Wenn doch einmal ein Auto um die Ecke bog, machten wir ohne Murren zügig Platz und wichen an den Rand aus. Die Fahrer drängelten nicht und es gab kein ungeduldiges Hupen – man kannte sich schließlich. Meist gab es ein freundliches Winken vom Lenkrad herüber, wir winkten gut gelaunt zurück, und kaum war das Heck des Wagens vorbei, nahmen wir die Fahrbahn sofort wieder in Beschlag.

    Die Heynenstraße wurde so zu unserer eigenen, großen Arena. Mit weißer Schulkreide oder abgebrochenen Kohlestücken zeichneten wir riesige Parcours auf den dunklen Bitumen: Slalomstrecken, scharfe Kurven und Zielgeraden. Wir bauten die Kurven mit allem aus, was sich am Straßenrand oder in Höfen gerade greifen ließ – Steine, Konservendosen und alte Holzbretter. Aus dicken Brettern und Holzklötzen konstruierten wir Wippen und kleine Sprungschanzen, über die wir mit klappernden Rollen mutig hinüberfetzten. Die eigentliche Triebfeder für all diese Abenteuer lag stets bei uns zwischen den Ohren: Unsere Fantasie kannte schlichtweg keine Grenzen.

    Auf den eisernen Rollen lieferten wir uns wilde Fangspiele über die gesamte Straße, wichen hakenschlagend den Hindernissen aus und jagten einander nach. Die Mädchen hielten sich von diesem wilden Getümmel meist ein wenig abseits. Eher am Rand des Geschehens, wo der Asphalt besonders eben war, übten sie mit bewundernswerter Geduld und Ausdauer ihre Anmut und Symmetrie: Pirouetten, elegante Bogenläufe und kleine Kunstfiguren.

    Wenn wir genug vom Hindernisfahren und Fangen hatten, verwandelte sich die Straße kurzerhand in ein Eishockeystadion. Aus einfachen Dachlatten und alten Holzresten zimmerten wir uns eigene Hockeyschläger, jagten einer Konservendose oder einem kleinen Stein hinterher und schenkten uns auf unseren eisernen Rollen keinen Meter. Erst wenn die Dämmerung hereinbrach und die Eisenräder unter unseren Schuhen im Dunkeln leise Funken sprühten, rollten wir verschwitzt, schrammenreich und überglücklich nach Hause.