Ausgesperrt und der Schmiss
Im Sommer 1958 – ich war gerade fünf Jahre alt geworden – stand für mich die erste ganz große Reise bevor. Meine Eltern hatten nicht nur einen kleinen Koffer für mich gepackt, sondern auch mein heiß geliebtes Rädchen dabei, als sie mich gemeinsam mit dem Zug zu Oma Anna nach Xanten in die Bahnhofstraße brachten. Zwei ganze Wochen sollte ich bei Oma und ihren beiden jüngsten Kindern, meiner Tante Gertrud und Onkel Gerd, die noch bei ihr wohnten, verbringen. Erst danach stiegen meine Eltern zusammen mit Tante Hannelore und Onkel Hubert voller Vorfreude in den Zug nach Italien, um die Strände von Rimini an der Adria, den Zwergstaat San Marino und schließlich die malerische Riviera zu entdecken. Es war für meine Eltern der allererste gemeinsame Urlaub – und, wie sich später herausstellen sollte, für lange Zeit auch der letzte.
Während meine Eltern im fernen Süden das Dolce Vita spürten, erlebte ich mein ganz eigenes Sommerabenteuer in der Stadt, in der ich wenige Jahre zuvor das Licht der Welt erblickt hatte. Morgens saß ich am liebsten im Wohnzimmer in der obersten Etage des Hauses auf dem breiten Fensterbrett. Von dort oben hatte man den perfekten Aussichtsplatz, um auf das rege Treiben auf der anderen Seite der Bahnhofstraße, die Molkerei zu schauen.
Es war ein faszinierendes Schauspiel! Mit knatternden Treckern und voll beladenen Anhängern fuhren die Bauern an der Rampe vor. Kanne für Kanne – schwer und aus glänzendem Metall – nahmen sie vom Hänger und stellten sie auf ein langes Laufband. Wie von Geisterhand bewegten sich die Milchkannen hintereinander im Gänsemarsch vorwärts, nahmen auf dem Band eine kleine Kurve und verschwanden schließlich durch ein kleines Tor in der Gebäudewand. Was drinnen passierte, blieb für mich ein großes, geheimnisvolles Rätsel. Umso erstaunlicher war es für mich, wenn an einer anderen Stelle der Fassade die leeren Kannen auf dieselbe Weise wieder herausgefahren kamen und von den Landwirten auf die Wagen gepoltert wurden. Ein unaufhörliches Kommen und Gehen, ein stetiges Tuckern der Motoren und ein metallisches Scheppern und Klappern der Kannen erfüllte die Morgenstunden, bis am späten Vormittag auf einmal Ruhe einkehrte.
Nachmittags ging es dann hinaus in die Welt. Tante Gertrud setzte sich auf ihr großes Fahrrad, ich trat auf meinem Rädchen kräftig hinterher, und gemeinsam erkundeten wir die Niederrheinlandschaft. Es ging hinaus in die saftigen Wiesen, vorbei an urigen Kopfweiden, nach Birten zum alten Amphitheater, an das breite Ufer des Rheins, nach Sonsbeck und nach Labbeck auf einen Bauernhof, auf dem eine Freundin von Tante Gertrud lebte und es für mich viel zu entdecken gab: Scheunen, Ställe, Kühe, Schweine, Hühner, Pferde und beeindruckende Landmaschinen.
Unvergesslich und höchst spannend waren für mich die Tage, an denen Oma Anna Waschtag hatte. Wenn bei Oma Waschtag war, dann gab es wirklich nichts anderes als Wäsche. Schon am frühen Morgen wurden die vollgepackten Weidenkörbe aus der obersten Etage Stufe für Stufe hinab in den tiefen Keller getragen. Vielleicht war auch der Korb dabei, in dem ich in meinen ersten Lebenswochen im Erprather Weg gelegen hatte – weggeworfen wurde schließlich so gut wie nichts. In der Mitte der Waschküche thronte eine gewaltige Bottichwaschmaschine. Das Wasser im Kessel wurde mühsam mit Kohle aufgeheizt. Ein im Bottich angebrachtes Holzkreuz, das über einen Keilriemen von einem schnurrenden Elektromotor angetrieben wurde, drehte sich unermüdlich hin und her und hielt die Wäsche im Seifenwasser in Bewegung. Am Rand war eine mechanische Auswringvorrichtung angeklemmt – zwei schwere Rollen, die mit einer Handkurbel gedreht werden mussten, um das Wasser aus den Stoffen zu pressen.
Hier gab es keine Knöpfe für Schon- oder Feinwaschgang, fürs Schleudern oder Abpumpen! Das Wasser wurde mit einem Schlauch eingefüllt, Kernseife dazugegeben und stark verschmutzte Teile vorab auf dem hölzernen Waschbrett geschrubbt. Nach dem Anzünden von Papier, Holz und Kohle im Ofen hieß es warten, bis das Wasser kochend heiß war. Sobald der Elektromotor eingeschaltet wurde, begann das eigentliche Waschprogramm mit rhythmisch schlagenden Geräuschen, während der weiße Schaum im Bottich langsam nach oben stieg.
Wenn die schwere, nasse Wäsche schließlich durch die Wringrollen gedreht war, wanderte sie zurück in die Körbe. Dann folgte der beschwerlichste Teil: Mit viel Mühe trug Oma die Körbe über zahllose Treppenstufen ganz nach oben auf den Dachboden, wo jedes Stück auf den Leinen zwischen den mächtigen Dachbalken und unter den heißen Dachziegeln aufgehängt wurde. Und kaum war das erledigt, ging es mit dem nächsten Korb wieder hinunter in den Keller. Solch eine Plackerei hatte ich zu Hause noch nie gesehen, und ich war heilfroh, dass meine Mutter im zentralen Waschhaus der Eisenbahnsiedlung nicht ganz so schwer schuften musste. Aber Oma Anna kannte es eben nicht anders und verlor kein einziges Wort des Klagens darüber.
Dann kam jedoch ein Tag, der für immer in unsere Familiengeschichte eingehen sollte. Ich war allein im Wohnzimmer zurückgeblieben, saß auf der Fensterbank und schaute den Treckern an der Molkerei zu, während Oma Anna und Tante Gertrud oben auf dem Speicher die getrocknete Wäsche abnahmen. Plötzlich viel mein Blick auf das kleine Reh aus Ton – ein niedliches Bambi, das Onkel Gerd seiner Mutter geschenkt hatte und das von Oma wie ein Schatz gehütet wurde.
Für mich war das die perfekte Gelegenheit, mich in einem völlig neuen Handwerk auszuprobieren. Busfahrer konnte ich ja schließlich schon! Ich beschloss nun, Steinmetz zu werden. Entschlossen griff ich mir mein Rädchen, drehte es mitten im Raum auf den Kopf, sodass die Räder in die Luft ragten, und nahm das Ton-Bambi in die Hand. Mit der einen Hand kurbelte ich die Pedale kräftig an. Das Hinterrad drehte sich folgsam wie ein echter Schleifstein – und voller Eifer hielt ich ein Bein des kleinen Rehs an die rotierende Gummidecke.
Der Erfolg stellte sich augenblicklich ein – allerdings völlig ohne Rücksicht auf meine handwerklichen Ambitionen oder das arme Reh: Knack! Das Beinchen war glatt abgetrennt.
Am liebsten wäre ich auf der Stelle davongelaufen. Aber wohin? In meiner Not entschied ich mich für eine andere Lösung: Schnell versteckte ich das verletzte Rehkitz hinter der schweren Übergardine auf dem Boden, stellte mein Rädchen unauffällig wieder auf die Reifen und schloss aus lauter Panik vor der wohlverdienten Tracht Prügel die Wohnungstür von innen zu. Den Schlüssel drehte ich einmal fest um – sicher war sicher!
Wenige Minuten später hörte ich Schritte im Treppenhaus. Durch die dicke Milchglasscheibe der Wohnungstür konnte ich die Umrisse von Oma und Tante Gertrud genau erkennen. Es folgte eine kurze Stille, dann das Klappern der Klinke und ein Klopfen. „Franz-Georg?“, rief es durch das Holz. Schon an der Wortwahl spürte ich den Ernst der Lage – kein liebevolles „lieber Jung“ weit und breit.
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