Der Kohlenpitt

Das Büdchen an der Uerdinger Straße in der Eisenbahnsiedlung mag verblasst sein, doch nur wenige Schritte hinter dem kühlen Schatten von Opa Lepkes’ Betonglocke öffnete sich eine ganz andere, gewaltige Welt – beherrscht von Schwerindustrie, Eisen und dem schallenden Metall der Schienen. Dort, direkt im Rücken des Büdchens, lagen die schier endlosen Stranggeflechte des Verschiebebahnhofs Hohenbudberg.

Das allererste Gleis dieser mächtigen Ader war ein einfaches Stumpfgleis, das stumm und geradlinig genau in der Kohlenhandlung der Eisenbahnsiedlung endete. Eine hohe, wehrhafte Mauer umgab das Areal, verschlossen durch ein schweres Eisentor, das sich direkt über die Schienen legte. Nur wenn der Nachschub rollte, öffnete sich das Tor krachend, und eine fauchende Rangierlok drückte mit stoßweisem Dampf neue Nahrung für die Öfen der Siedlung auf das Gelände: hoch aufgetürmte Briketts, glänzende Anthrazitkohle und porösen Koks.

Meistens handelte es sich dabei um offene, zweiachsige Güterwagen. Blieb das Tor über Nacht oder an den Wochenenden verschlossen, wurde der Waggon einfach kurz davor abgestellt – direkt auf freier Strecke, unmittelbar hinter Opa Lepkes’ kleinem Reich. Für die Eisenbahner war es nur eine Unterbrechung im Betriebsablauf, für uns Kinder jedoch war es eine Einladung, die unsere Abenteuerwelt auf einen Schlag erweiterte. Der abgestellte Koloss auf den Schienen wurde zu unserem ganz persönlichen Spielplatz.

Kaum war die Luft rein, eroberten wir die schwere Eisenkonstruktion und hauchten dem stillstehenden Wagen Leben ein. Wir spielten nicht irgendwas; wir spielten das echte, harte Leben unserer Väter, die tagtäglich auf den Gleisen ihren Dienst taten. Wir schlüpften in die Rollen von stolzen Lokführern, schweißüberströmten Heizern, akribischen Waggonmeistern, aufmerksamen Stellwerksmeistern, mutigen Hemmschuhlegern und wendigen Rangierern. Wir kletterten an den rußigen Wänden empor, krochen flink unter dem Bauch des Waggons hindurch, balancierten wagemutig auf den massiven Pufferbohlen, kuppelten an einen nicht vorhandenen Waggon an und gaben einander mit ausladenden Armbewegungen wichtige Signalzeichen. Wir pfiffen, so laut und schrill unsere Lippen es hergaben, und verloren uns völlig in dieser Kulisse aus Stahl und Schotter.

Den allergrößten Zauber aber strahlte ein ganz bestimmter Waggontyp aus: der Selbstentlader. Schon seine bloße Bezeichnung war wie ein magisches Versprechen, das unsere Phantasie in helle Aufregung versetzte. Besonders die riesigen, verlockenden Hebel an den Stirnseiten des Waggons übten eine beinahe unwiderstehliche Anziehungskraft auf uns aus. Zu gerne hätten wir sie angepackt, um sie mit vereinten Kräften umzulegen und so zumindest einen Teil der schweren Ladung noch auf freier Strecke zu entleeren – auf dass die Kohlen ihr eigentliches Ziel niemals erreichen würden.

Was das für ein Spektakel gewesen wäre! In unseren Köpfen malten wir uns das Drama und die Folgen in den schillerndsten Farben aus. Doch glücklicherweise blieb es bei diesen kühnen Tagträumen: Am Ende verließ uns vor der gewaltigen Wucht der Mechanik schlicht der Mut, und kein einziger von uns wagte es tatsächlich, die Hand an die Hebel zu legen und zur Tat zu schreiten.

So konnten wir dem Kohlenhändler auch weiterhin jederzeit erhobenen Hauptes unter die Augen treten. Und die Notwendigkeit dazu bestand regelmäßig – nämlich immer dann, wenn es zu Hause hieß: „Vater muss wieder Kohlen holen!“ Dann schnappte sich mein Vater den Holzkarren und machte sich gemeinsam mit mir auf den Weg zum Kohlenhändler an der Uerdinger Straße, am anderen Ende der Siedlung. Der Weg führte uns dort zuerst in ein kleines Büro. Hinter einer massiven Holztheke saß der Händler an seinem Schreibtisch – für uns war er schlicht der „Kohlenpitt“.

„Einen Zentner Briketts!“, lautete Vaters Bestellung. Der Kohlenpitt nannte den Preis – rund vier D-Mark kostete der Zentner Ende der fünfziger Jahre –, schlug eine mächtige, vor ihm liegende Kladde auf und trug den Kauf bedächtig in eine Zeile ein. Mit einem gekonnten Griff trennte er den ausgefüllten, schmalen Papierstreifen ab und reichte ihn meinem Vater. Die glänzenden Silbermünzen wechselten den Besitzer, das Wechselgeld wanderte zurück in Vaters Tasche, und wir traten durch die Tür hinaus auf das weite Kohlengelände zu den schwarzen Bergen der Briketts.

Dort griff der Kohlenpitt zu einer großen Kohlengabel und schaufelte die schweren Steine mit rhythmischen Stoßbewegungen in eine rustikale Schüttwaage, bis der Zeiger genau bei einem Zentner einrastete. Routiniert hielt er einen groben Jutesack unter die Öffnung, kippte die Schütte mit einem lauten, scheppernden Poltern und ließ die Briketts in den Sack rutschen. Mit einem tiefen Seufzer wuchtete er das schwere Bündel auf unseren Karren. Vater und ich griffen nach den Holzgriffen, zogen das raue Gefährt an und machten uns durch den Ruß und den Staub auf den Heimweg.

Zuhause angekommen, begann der letzte, mühsame Teil unserer Mission. Der schwere Jutesack wurde hinunter in den Kohlenkeller getragen und dort mit einem dumpfen Poltern ausgeschüttet. Es war ein dunkler, geheimnisvoller Raum, in dem es kein elektrisches Licht gab. Einzig ein schmales Kellerfenster ließ spärliche Tageslichtstrahlen in die Finsternis fallen und schnitt einen staubigen Lichtkegel in die kühle Luft.

Dort unten half ich meinem Vater beim Stapeln der schwarzen Steine. Mit einer ruhigen Geduld zeigte er mir, wie man die Briketts Stein für Stein im schwindenden Licht an der Wand hochzog. Er erklärte mir genau, wie die Kanten ineinandergreifen mussten und wie man den Verband setzte, damit das ganze fragile Gebilde aus schwarzem Gold stabil blieb und nicht irgendwann mit großem Getöse zusammenbrach. Es waren diese stillen Momente im Halbdunkel des Kellers, in denen ich von meinem Vater nicht nur lernte, wie man Kohlen stapelt, sondern wie man mit eigenen Händen Ordnung und Wärme ins Leben bringt.