- Opa Lepkes und sein Büdchen
Der Duft von frischer Druckerschwärze, trockenem Tabak und der süßen Verheißung von Brausebrocken lag wie ein unsichtbarer Schleier über der Uerdinger Straße. Genau dort, an der Ecke zur Lothsfeldstraße, wo die Buslinie 27 aus Hochemmerich quietschend zum Stehen kam und der O-Bus der Linie 2 aus Neukirchen-Vluyn seine Oberleitungen zum Funken brachte, stand Opa Lepkes’ Reich: ein kleines Büdchen, das für mich und die anderen Kinder die ganze Welt bedeutete.

Drei Fenster teilten diese Welt in kleine Wunder auf. Im linken glänzten die riesigen Glaszylinder, gefüllt mit sauren Zungen, Speckmäusen und Dauerlutschern, die das Sonnenlicht spiegelten. Hier erfüllte ich mir meine eigenen, kleinen Wünsche: Für gerade einmal 10 Pfennig bekam ich zwei Gummibärchen, drei Veilchenpastillen und eine Lakritzschnecke – oder morgen eben eine ganz andere Mischung. Opa Lepkes griff dann zu einem kleinen Papiertütchen und einer winzigen Schaufel, wie man sie sonst nur aus dem Kaufmannsladen für Kinder kannte. Bedächtig öffnete er Glas um Glas, füllte die Leckereien punktgenau ab und reichte mir die Ware durch das kleine Fenster mit einem Lächeln und ein paar netten Worten. Ja, hier fühlte ich mich als kleiner Kunde wie ein König.
Und immer wieder hatte Opa Lepkes etwas Neues im Sortiment, das meine Neugier weckte und entdeckt werden wollte. Es waren nicht nur die regelmäßig erscheinenden Micky-Maus-Hefte, die den Weg zu mir fanden – irgendwann gab es knusprigen Waffelbruch in Tüten und später die legendären Wundertüten, bei deren Inhalt ich mich schon so manches Mal mächtig gewundert hatte.
In der Mitte der Frontseite thronte die zweigeteilte Holzdurchreiche – das Herzstück, durch das so mancher von meinen Groschen wanderte. Und rechts glänzten hinter der Scheibe die bunten Cover der Zeitschriften, Stapel von Tabakdosen und die dunklen Flaschen der Hochprozentigen für die Feierabend-Schichtarbeiter. Ein breites, glattgegriffenes Holzbrett diente als Ablage für die Tageszeitungen, deren Schlagzeilen im Wind flatterten.
An der rechten Seite führte eine schwere Stahltür in ein winziges Reich im Schatten: ein Aufenthaltsraum, der gerade groß genug war für einen einzigen klapprigen Stuhl, auf dem Opa Lepkes in den ruhigen Nachmittagsstunden saß und durch die Scheiben das Treiben beobachtete.
Gleich hinter dem Büdchen ragte stumm ein klobiges Relikt vergangener Tage auf – ein runder Einmannbunker aus grauem Beton mit einem spitzen Dach. Seine schwere Betontür stand ewig weit offen; die verrosteten Scharniere waren längst verzogen und hielten dem Zahn der Zeit nicht mehr stand. Für Opa Lepkes war der einst düstere Unterstand schlicht ein Ort für alles Überflüssige. Wenn sich wieder zu viel Altpapier und aufgerissene Warenkartons angesammelt hatten, warf er das Zeug hinein und setzte es kurzerhand in Brand.
Für uns Kinder war dieser Ort ein magischer Anziehungspunkt – vielleicht der Ort, an dem ich meine allerersten, heimlichen Erfahrungen mit dem Feuer machte. Ich stand mit weit aufgerissenen Augen davor und schaute fasziniert zu, wie die Flammen gierig nach der Pappe griffen. Sobald Opa Lepkes mir den Rücken kehrte, um im Büdchen wieder seine Kunden zu bedienen und Klönschnack durch das kleine Fenster zu halten, schlug meine Stunde. Da er uns hinter der Betonwand nicht mehr sehen konnte, wurde es für mich erst recht interessant: Heimlich schlich ich mich mit meinen Freunden an die offene Betontür heran und wir stocherten mit langen Stöckchen in der glimmenden Glut, um die Funken tanzen zu lassen.
Dieses Spiel mit dem Feuer holte Opa Lepkes natürlich immer wieder zeternd aus seinem Häuschen. Wenn er uns erwischte, schimpfte er wie ein Rohrspatz. Doch eines Tages übertrieben wir es völlig – eine Aktion, die auch richtig böse hätte ausgehen können. Furchtlos warfen wir eine Blechdose mitten in die lodernden Flammen. Wir dachten zumindest, sie sei leer. Eine gefühlte Ewigkeit passierte gar nichts, und wir lehnten uns schon enttäuscht vor. Doch dann gab es plötzlich nicht nur einen gewaltigen Knall, der durch die angrenzenden Straßen der Siedlung dröhnte – dem Bunker entstieg im selben Augenblick eine riesige, tiefschwarze Wolke. Als sie langsam aufstieg und Opa Lepkes fassungslos in der Tür seines Büdchens sichtbar wurde, war uns sofort klar: Das war’s. Ab diesem Tag war endgültig Schluss mit dem Feuermachen – zumindest dort am Bunker.
Über die Jahre hatte sich im Inneren eine mächtige, weiche Schicht angesammelt: Zentimeter um Zentimeter war der Boden aus verbrannter, feiner Asche gewachsen, die in allen erdenklichen Grautönen schimmerte, durchsetzt von den verkohlten Drahtresten alter Pappschachteln. Ein seltsamer, kalkiger Geruch nach verbrannter Zeit hing stets in der kühlen Betonglocke.
Das Büdchen ist längst verschwunden, die Busse fahren andere Routen, und auch der alte Bunker schweigt im Grün der Zeit. Doch immer wenn der Wind den Geruch von trockenem Papier oder ein wenig Rauch durch die Straßen weht, schließe ich für einen kurzen Moment die Augen. Dann steht er wieder vor mir: Opa Lepkes mit seinem gütigen, manchmal brummigen Blick hinter dem kleinen Schiebefenster. Das Büdchen mag Geschichte sein, aber die Erinnerung an jene Sommertage, das Klappern meiner Groschen und den Mann, der mir ein Stück meiner Jugend schenkte, bleibt unvergessen – fest eingebrannt in meinem Herzen.